Dienstag, 24. Juni 2014

Longest way home

253. 23./24.06.2014

Bei Nathalie angekommen, muss es schnell gehen. Ich dusche, putze Zähne und packe, schaffe es, Nathalies Mutter trotz fehlender Kommunikationsgrundlage zu erklären, dass ich ein Taxi brauche und bin um halb elf schließlich aufbruchsbereit für den 35-stündigen Heimweg. Da das unverschämt günstige Angebot von Jakarta nach Frankfurt einen 22-stündigen Zwischenhalt in Amsterdam einschließt, habe ich mich dazu entschlossen, von dort einfach den Zug und den Anschlussflug nicht wahrzunehmen. Das ist zwar schneller als in Schiphol zu übernachten, aber dauert immer noch ziemlich lange.
Ich bedanke mich artig bei den Gastgebern der letzten zwei Tage und verabschiede mich von Eva, die noch 10 Tage bleibt (man könnte mal ausrechnen, wie viele davon sie im Stau verbringen wird). Im Gegensatz zu unserem letzten Abschied in Prag im September vorigen Jahres sehen wir uns dieses Mal allerdings nach ein paar Wochen wieder, kaum dramatisch also. Ich bin im Nachhinein erstaunt, wie leicht es mir und meinen Mitreisenden während der letzten Monate gefallen ist, den Großteil unserer Privatssphäre aufzugeben. Mit einem sehr interessierten Taxifahrer (Transfer to? Flight number?) geht es zum Flughafen, zuerst durch das Schrittgeschwindigkeitschaos des Stadtverkehrs, dann mit 120km/h auf einer dieser typischen, prestigeträchtigen Flughafenzufahrtsstraßen, wo Entwicklungsländer gerne mal zeigen, was möglich wäre, wenn sich ihr BIP verzehnfachen würde. Der Check-In ist ein großes Drama und die vielleicht letzte Herausforderung dieser Reise. Zuerst stürzt das Bookingsystem ab, weswegen ich (und viele andere Mitleidende) über eine Stunde anstehen, ohne dass sich nennenswert etwas tun würde. Am Schalter angekommen erkläre ich, dass ich mein Gepäck in Amsterdam auf jeden Fall aufsammeln möchte, da ich dort, wie auf dem Ticket zu sehen ist, einen 22-stündigen Zwischenhalt habe. "Not possible." Also hatte der Holländer, der für KLM in Amsterdam arbeitet, recht. Er hat mir am Mt. Bromo geraten, in Amsterdam zu erzählen, dass ich wichtige Medikamente in meinem Rucksack hätte, dann müssten sie ihn mir geben. Mir wäre es aber viel lieber, die Sache gleich zu regeln. Ich rede noch ein wenig auf die freundliche Dame ein, bis sie schließlich ihren Kollegen holt, der mit dem Gepäckmanager diskutiert, der daraufhin seine Chefin konsultiert, die ihr ok gibt, woraufhin problemlos ein neuer Gepäckaufkleber bis Amsterdam gedruckt wird. Was daran wohl so schwierig war? Meine von diesem Erfolg euphorische Stimmung wird getrübt, weil ich erstens nicht wie gewünscht Fensterplätze bekommen habe (die einzige Art für mich, einen Flug zu genießen) und zweitens alle Läden im Terminal geschlossen sind und ich somit weder mein verbleibendes Geld loswerde (5€, das tauscht in dieser Währung kein Mensch außerhalb Indonesiens), noch etwas zu essen kriege (ich hatte seit dem Frühstück nichts mehr). Ein wenig frustriert boarde ich mit einer indonesischen Rentnertruppe und finde meinen Platz im Flugzeug zwischen zwei dadurch getrennt voneinander sitzenden niederländischen Backpackerinnen. In meiner gutherzigen Art biete ich ihnen an, sie im Tausch für den Fensterplatz nebeneinander sitzen zu lassen. Nach kurzer Diskussion fragt mich eine der beiden in knuffig-naiv-herzerweichender Art, ob ich nicht auch mit dem Gangplatz Vorlieb nehmen würde, sodass sie nebeneinander und am Fenster sitzen können. Ich spiele tatsächlich mit, ärgere mich im Nachhinein aber so sehr darüber, dass ich die Situation ändern will/muss. Ich versuche es mit einer tragisch-naiv-herzerweichenden Geschichte von einem kleinen psychischen Komplex, ähnlich wie Flugangst, nur, dass ich mich durch Augenkontakt zum Erdboden beruhigen kann, deswegen auch die bescheidene Bitte um den Fensterplatz. Keine Ahnung, ob es so etwas gibt, die beiden nehmen es mir jedenfalls ab. Sie sind eigentlich auch ganz nett, bleiben aber lieber unter sich (was mich gerade nicht sonderlich stört). Ein letztes Mal sehe ich Jakarta in all seiner Imposanz, dann kommt die Dunkelheit - Meer. Ein Sandwich kriege ich noch, dann schlafe ich fast durch, unterbrochen von dem Überflug Südindiens, wo ich ein letztes Mal ein Blick auf den Subkontinent werfen kann, wenn auch nur aus 10 000 Metern Höhe.
Ich wache im Morgengrauen auf, das sich allerdings stundenlang hinzieht, weil wir mit der Sonne fliegen. Um fünf Uhr, eineinhalb Stunden vor Ankunft, gibt es Frühstück. An dieser Stelle muss ich Etihad bewerben. In der Economy Class hat man die Wahl zwischen drei Gerichten, die Sitze sind ausgestattet mit USB-Buchsen und Steckdosen (Bordentertainment sowieso) und dass ich mit 1,85m am Fensterplatz problemlos schlafen konnte, spricht für sich. Um halb sieben kommen wir an Abu Dhabis Flughafen an, der gerade neu gebaut wird, wie so ziemlich alles in den Emiraten permanent neu und größer gebaut wird. Aus der Luft sieht man einen Flickenteppich aus Sanddünen, riesigen Industrieanlagen (Ölfeldern) und supermoderner Infrastruktur in einer absolut lebensfeindlichen Umgebung. Knapp zwei Stunden habe ich am Terminal bis zum Anschlussflug nach Amsterdam. Ich weiß auch nicht, wie die Buchungssysteme der Airlines funktionieren, jedenfalls ist es 150€ billiger, über diesen zweiten Zwischenstopp nach Frankfurt zu fliegen als direkt von Abu Dhabi aus zu fliegen.
Auch bei diesem Flug schaffe ich es, einen Fensterplatz zu ergattern, schlichtweg, weil er nicht ausgebucht ist. Das Mittagessen enttäuscht leider, dafür fällt mir hier die Filmauswahl bei Etihad auf. Beim Anschauen von "Dallas Buyers Club" wird mir bewusst, wie viele gute Filme ich verpasst haben muss, es gibt einiges nachzuholen. Ansonsten schlafe, schreibe oder höre ich mich durch die vergangenen neun Monate. Mein Gehirn neigt dazu, Erlebnisse sehr exakt an die Lieder zu koppeln, die mir zu dem Zeitpunkt des Erlebens besonders gefallen haben. Sobald ich das Lied höre, kommen Erinnerungen auf und sobald ich mich an etwas erinnere, taucht die dazugehörige Musik in meinem Kopf auf.
Wir fliegen über Bagdad und die Brigaden der ISIS, die unter uns Schiiten für ihre falsche Art an Allah zu glauben abschlachten, über die Einöde Anatoliens und das schwarze Meer. Am anderen Ufer beginnt Europa, genau so, wie man es sich vorstellt. Geometrisch perfekte Felder, umgeben von Waldstücken, durchsetzt mit Dörfern und kleinen Städten. An meinen geografischen Kenntnissen hat sich in den letzten neun Monaten nicht viel geändert, trotzdem ist Europa für mich kleiner geworden. Gegen die Erbarmungslosigkeit von Städten wie Mumbai, Jakarta oder Nairobi wo das Fünf-Sterne Hotel an den Slum angrenzt, wo man sich wirklich durchboxen muss, wo niemand den Schwachen hilft und die Starken maßregelt, fällt mir für Europa, zumindest Kerneuropa, nur der Begriff niedlich ein. Mir gefällt beides und gerade die asiatischen Metropolen versprühen eine Energie und Fortschrittsgläubigkeit, die der Wohlstand in Europa oft abschwächt oder erstickt, aber wie Eva gesagt hat: "Lieber in Europa leben und Welt erkunden als andersrum."
Eine solche Reise macht einen zwangsläufig zum Europäer. Ob Holländer, Franzosen, Briten oder Schweden, der einzige Unterschied bestand immer in der Sprache. Die Denkweise war dieselbe, was umso krasser hervortrat, da man den direkten Vergleich zu Menschen hatte, die eine wirklich andere kulturelle Prägung erfahren haben.
Man sieht, viele Gedanken gehen einem nach neun Monaten Abwesenheit auf dem Weg in die Heimat durch den Kopf. Um 15 Uhr lokaler Zeit, 20 Uhr in Jakarta, landet das Flugzeug am Flughafen Schiphol. Ein tolles Gefühl, sich bei der Passkontrolle in der kurzen Schlange der EU-Bürger einreihen zu können. Ein Blick auf den Pass, in mein Gesicht, ein "Welcome" und bin offiziell wieder in Europa. An der Gepäckausgabe unterhalte ich mich beim Hoffen auf meinen Rucksack mit einer Holländerin, die ich schon in Jakarta am Check-In gesehen hatte. Sie hat soeben ein fünfmonatiges Praktikum dort absolviert, befindet sich also in einer ähnlichen Situation. Meine letzten Sorgen werden zerstreut, als ich meinen Rucksack auf dem Gepäckband auftauchen sehe. Keine halbe Stunde nach der Landung kommen wir in den Arrivals Bereich, wo bereits die Familie der Holländerin (was sind schon Namen?) wartet und in Jubel ausbricht. Das Erste, was ich mache, ist vor die Tür zu treten und bewusst einzuatmen. Das letzte Mal war ich am Terminal in Jakarta unter freiem Himmel, dagegen ist es hier frostig. Gleichzeitig ist die Luft so frisch und klar wie zuletzt im Himalaya. Nicht einmal einen Hauch von Abgasen kann ich riechen (sicherlich ist mein Sinn dafür auch etwas abgestumpft). Nächste Überraschung bei der Suche nach etwas zu trinken: Wasser kostet genauso viel wie Bier. Da beides teuer ist, verschiebe ich Trinken auf später und warte am Gleis 40 Minuten auf meinen Zug, praktischerweise mit gratis WLAN. Als wäre ich wieder Kind, bringen mich alltäglichste Dinge zum Staunen, zum Beispiel das geräusch- und ruckelfreie Fahren in den elektrisch betriebenen Zügen oder dass öffentliche Verkehrsmittel Abfahrtszeiten haben, an die sie sich meistens sogar halten. Meine letzte Erfahrung war eine abgasgeschwängertes im Stau stehen in einem rostigen Minibus. Selbst das Gefühl, wieder einer unter vielen und nicht der auffällige Weiße zu sein, gefällt mir. Nach einer halben Stunde steige ich in einen deutschen IC um, der in vier Stunden bis nach Hannover durchfährt. Die Grenze ist wegen des verkappten WM-Patriotismus leicht auszumachen (Flagge zeigen!), absolute Sicherheit nun in Deutschland zu sein erlange ich, als die Passagiere eine Viertelstunde vor Erreichen der Endstation bereits an den Zugtüren anstehen, als würden diese nur zehn Sekunden öffnen. In Hannover habe ich eine Stunde, in der ich mir das meiner Meinung nach typischste deutsche Essen hole: Döner. Ich setze mich an einen der auf der Straße neben dem Imbiss aufgebauten Tische und beobachte die Umgebung. Die Menschen kommen mir wesentlich zufriedener vor als in den Ländern, in denen ich war, von wegen mürrische Deutsche. Außerdem sind sie viel individueller. Darüber hinaus merke ich vor allem, dass es Ewigkeiten hell bleibt (17:30 in Jakarta, 22:00 in Hannover) und dass es ungewohnt kalt wird, trotz Sommer. Um zehn bin ich wieder am Bahnhof. Die deutsche Bahn wird ihrem Ruf gerecht, 50 Minuten Verspätung, wegen "Verzögerungen im Betriebsablauf". Also Verspätung wegen einer Verspätung. So viel kohärenter Schlüssigkeit habe ich nichts entgegenzusetzen, zumal ich in Nürnberg sowieso einen Zeitpuffer von über zwei Stunden bis zum ersten Regio nach Bayreuth habe. Und zumindest ihr selbst gesetztes Verspätungsintervall halten sie ein. Der Zug nach Nürnberg ist eigentlich ein internationaler Nachtzug bis Wien Westbahnhof, aber die deutsche Bahn hat einen Waggon zwischengekoppelt, der nur bis Nürnberg, dafür aufpreislos fährt. Es handelt sich dabei um ein ausgemustertes Erstklassabteil. So kommt es, dass ich in einer luxuriös gepolsterten Sechs-Mann-Kabine mit justierbarer Heizung (es ist ja echt arschkalt nachts, war das bei uns im Juni schon immer so?) nächtige. Später gesellt sich ein - wer hätte das gedacht - junger Inder aus Jaipur zu mir, der zur Zeit ein Praktikum in Wien macht und in seiner Freizeit Deutschland bereist. Mit stabilen 55 Minuten Verspätung erreichen wir Nürnberg viertel nach vier Uhr morgens, eineinhalb Stunden vor dem ersten Regio also. Ich besorge mir ein provisorisches Frühstück und versuche zu schreiben, werde aber andauernd von den mich umgebenden Gesprächen abgelenkt. Es ist wirklich ungewohnt, wieder Deutsch in allen Lebenslagen zu hören und zu sprechen (wobei ich es immerhin schon in den ersten 18 Stunden hier schaffe, drei Leute zu finden, die besser Englisch sprechen) und bei den kurzen Gesprächen mit Verkäufern merke ich, dass mir manche alltägliche Floskeln nicht mehr sofort auf der Zunge liegen. Um 5:44 Uhr schließlich fährt der gute alte Regionalexpress ohne Elektrifizierung nach Bayreuth. Ich denke, das ist ein guter Zeitpunkt, aufzuhören. Zum einen glaube ich nicht, dass während einer einstündigen Zugfahrt durch Nordbayern viele aufregende Dinge passieren werden, zum anderen habe ich in diesem Eintrag schon genug über mein Innenleben geschrieben, es soll schließlich ein Reiseblog und keine persönliche Therapiesitzung sein. Mental verarbeitet ist diese Reise noch lange nicht, aber technisch gesehen war es das.
Vorerst, Pläne gibt es genug.

Tschüss

1 Kommentar:

  1. Man wird ja doch ein wenig sentimental, jetzt wo die Reise so lang miterlebt wurde... Ich wollte mich vielmals für diesen Blog bedanken, und hoffe doch bald wieder hier zu lesen!

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