Samstag, 29. März 2014

Krankhaft

174. 28.3.2014

Ich wache bereits mit einem flauen Gefühl auf, dass sich im Tagesverlauf verschlimmert. Am frühen Nachmittag breche ich unsere Stadtbesichtigung ab und gehe alleine zurück zum Hotel, um ein wenig zu schlafen. Als Katha und Eva um 17 Uhr zurückkommen, muss ich ziemlich miserabel aussehen. Zu Kopfschmerzen und Durchfall gesellt sich Fieber, dass nicht den Anschein erweckt, als wäre es im Sinken begriffen. Als ich um neun Uhr abends nicht essen will, was die beiden mir mitgebracht haben und das Thermometer 39,5 Grad anzeigt, überlegen wir schon, einen Arzt zu rufen oder mir zumindest Paracetamol zu geben. Da ich dieses Mal aber nicht alleine bin und Delhi Kliniken auf westlichem Niveau bietet, versuche ich erst einmal zu schlafen und hoffe, dass sich mein Zustand über die Nacht verbessert.
(Spoiler: Er wird besser.)

Donnerstag, 27. März 2014

Halbierung / Traumjobtreffen

173. 27.3.2014

Zum zweiten Mal in Folge komme ich nur vier Stunden zum Schlafen. Um sechs müssen meine Zimmergenossen aufstehen und packen. Alle zusammen gehen wir auf einen letzten Chai zur AirportLink Station. Dabei handelt es sich um ein sicherlich nie profitables Prestigeprojekt, eine High-Speed Metro zwischen Hauptbahnhof und Internationalem Flughafen. Der Abschied ist kurz und schmerzlos, danach bestehen Katha und ich gegenüber Eva, die in dieser Hinsicht über ein übernatürliches Durchhaltevermögen verfügt, auf Schlaf. Was natürlich zur Folge hat, dass wir nicht vor elf aus dem Hotel kommen, und dann auch nur um zu frühstücken. Unsere To-do Liste für den Tag hält sich aber auch in Grenzen. Ich brauche ein neues Hemd und wir treffen den Indienkorrespondenten der ZEIT. Vor ein paar Monaten habe ich in einer ziemlich dreisten Mail gefragt, ob ein Treffen aus persönlichem Interesse möglich wäre. Nun, das ist es. Um 16 Uhr sitzen wir in einen Kaffee in einem Buchladen, der mit seiner alternativen Heimeligkeit in jeder Metropole der Welt so vorzufinden ist. Wir reden über Indien, deutsche Medien, die Ukraine und seinen Beruf. Er hat es in die Position geschafft, wo Journalist tatsächlich ein Traumjob ist. Die Themen seiner Artikel bestimmt weitgehend er selbst, ebenso wie die Herangehensweise. Keine Spur von Akkordarbeit und Zeilenhonoraren. Das Gespräch jedenfalls war extrem interessant und informativ (sei es nur, weil wir jetzt grob wissen, wie sich der Entstehungsprozess einer ZEIT Politikseite gestaltet).
Zurück am Conought Place finden wir einen netten Schneider für mein neues Hemd, was in diesem Fall ein entscheidendes Kriterium ist, weil wir fachlich (Stoff, Materialqualität, Nähte) keinen blassen Schimmer haben. Maßanfertigungen gibt es hier zu Witzpreisen, ein Anzug ist ab 40€ zu haben und sieht für 100€ schon richtig gut aus. Für das maßangefertigte Hemd zahle ich weniger als bei H&M für eines von der Stange. Ob die Qualität da auf der Strecke bleibt, wird sich in zwei Wochen, wenn Katha von Delhi aus zurückfliegt, zeigen.

Bayreuth in Delhi

172. 26.3.2014

Die Zeit vor der Zugabfahrt reicht gerade noch für einen Chai mit Blick aufs Taj Mahal. Eva und Katha haben es da nicht so gut, ihr Zug fährt bereits um sechs, was Aufstehen um halb fünf erfordert. Dafür sind sie eine Stunde vor uns in Delhi, was ihnen die besondere Ehre verschafft, ein Hotel für alle suchen zu dürfen. Unsere letzte Haltestelle erweist sich als Vorstadtbahnhof, von wo wir erst vier Kilometer Taxi fahren und dann drei verschiedene Metrolinien benutzen müssen, bis wir in der Innenstadt sind. Die Metro ist ein Wunder. Sauber, leise, modern, unkompliziert. Als ob die Leute ihre Manieren beim Durchlaufen der Schleuse umpolen würden. Voll ist sie natürlich trotzdem, da bringt bei dieser unvorstellbaren Bevölkerungsdichte auch die 2-Minuten Taktung nichts.
Eva, Katha und Hotel sind schnell gefunden, danach wird spät gefrühstückt und vorbereitend auf den Abflug der anderen drei morgen gepackt. Während der Rest Souvenirs shoppt, gehe ich zum airtel Shop, da meine SIM Karte seit letzter Nacht streikt. Nach einer Stunde Wartezeit im Einwohnermeldeamtstil erfahre ich, dass man in Delhi rein gar nichts über die Karten der Kollegen aus Tamil Nadu (dort habe ich sie gekauft) wisse und ebensowenig helfen könne.Wahrscheinlich ist, dass meine SIM nach 90 Tagen automatisch deaktiviert wurde, da ich Ausländer bin. Eine Reaktivierung dauert in etwa so lange, wie ich noch in Indien bin, kommt also nicht infrage. Dafür bietet mir Socke ihre SIM an, mit verbliebenem Guthaben darauf. Wir treffen uns wieder in einem der omnipräsenten Coffee Days (geschätzte 50 Stück am Conought Circle - das ist keine floskelhafte Übertreibung), wo ich gerade einer Angestellten mit einem Anruf bei ihrem Chef drohe, weil sie dreist genug war, den eineinhalbfachen Preis zu verlangen und mir daraufhin die Rechnung zu verweigern. Nachdem die Sache geklärt ist, drehen wir eine Runde um den Conought Place, der zur Zeit auf Initiative der Alliance Francaise (vgl. Goethe Institut) mit Fotoserien indischer Künstler behangen ist. Im nahegelegenen Parikrama Restaurant im 24. Stock trinken wir gemeinsam was und bekommen nebenbei einen Stadtrunblick, da sich die Tische in dem runden Saal einmal pro Stunde um das Zentrum drehen. Der Sättigungswert der Drinks scheint enorm zu sein, denn danach spürt niemand mehr Verlangen nach Essen. Trotzdem statten wir unserem Frühstücksrestaurant noch einen Besuch für einen Absacker ab, hier bekannt als "Special Tea" und stilecht unauffällig serviert in Teetassen. Da sich einfachere Restaurants keine Ausschanklizenz leisten können oder wollen, findet sich das Kingfisher hier auf keiner Getränkekarte, bekommen wird man es trotzdem fast sicher. Wir bleiben bis Ladenschluss, für Socke, Ladegast und Pietsch ist das immerhin der letzte Abend in Indien nach 39 bzw. 16 bzw. 22 Tagen, die sie offensichtlich genossen haben.

Mittwoch, 26. März 2014

Großes Wiedersehen

171. 25.3.2014

Eigentlich passiert heute viel zu viel in viel zu kurzer Zeit. Ein Hotel ist auch um 6 Uhr morgens nach Ankunft in Agra schnell gefunden und während die anderen duschen, mache ich mich auf die Suche nach dem Saniya Palace Restaurant, wo laut eigener Aussage Eva und Katha das Taj Mahal bei Sonnenaufgang bewundern. Die Dachterasse ist schnell gefunden, aber ich brauche etwas, bis ich voll und ganz realisiert habe, wer da vor mir sitzt. Katha habe ich vor drei Monaten in Dubai am Flughafen verabschiedet, Eva vor über sechs Monaten am Bahnhof in Prag. Da ich mit ihnen die ganze Zeit in Kontakt stand, mitbekam, wo auf der Welt sie was erlebten und wie wir uns langsam geographisch näher kamen, ist das Wiedersehen umso schöner, zumal es sich 8000km von "zu Hause" abspielt. Mit der Kulisse vor den aus dem Regendunst heraus erklarenden Minaretten des Taj Mahal im zunehmenden Sonnenlicht war die Szene auf Bollywoodniveau. Über einem Chai quatschen wir mindestens eine Stunde, gehen zurück zu unserem Hotel, begrüßen den Rest, frühstücken gemeinsam und erzählen uns noch mehr von unseren letzten Monaten. Unglaublich, dass wir hier, in Agra, zu sechst zusammensitzen und über die gute alte Schulzeit in Bayreuth reden können. Aber es natürlich nicht tun, denn was könnte schon besser sein als das hier?
Wer gerne mehr über das Mausoleum erfahren möchte, wegen dem Hunderttausende Touristen jährlich in diese hässliche Stadt kommen, sollte Wikipedia zu Rat ziehen, denn ich habe mich, im Gegensatz zu den anderen, nach kurzem Überlegen gegen einen Besuch des Geländes entschieden. Für 750Rs, nach indischen Maßstäben ein kleines Vermögen, kommt man nochmal 200m näher an den Bau heran und kann sein glanzloses Inneres begehen. Da Eva und Katha bereits am Vortag drinnen waren, unternehmen wir zu dritt einen Ausflug zum Itimad-ud-Daulah, dem Prototypen und Vorgänger des Taj Mahal, der zwar kleiner, aber aufwendiger verziert ist (die anderen leisten sich den Eintritt - laut ihrer Aussage mäßig lohnenswert). Ein weiterer Vorteil: Man kann dort stundenlang ungestört von Menschenmassen und Bitten um Fotos sitzen und die Umgebung betrachten. Als wir davon genug haben, laufen wir die knapp drei Kilometer zum Mehtab Bagh Park direkt gegenüber des Tajs, von wo man wohl die beste Gesamtsicht auf den Gebäudekomplex hat. Das Mausoleum wurde direkt am Yamuna River gebaut, am anderen Flussufer sitzen wir und warten darauf, dass die Sonne versinkt und dem weißen Marmor einen roten Schimmer verleiht. Danach essen wir in einem urtypischen Travellerrestaurant (Dachterasse und kulinarisch von allem ein bisschen). Zum Nachtisch gibt es eine 9kg Wassermelone auf der Terasse unseres Hotels. Nach und nach schmälert sich die Runde, da am nächsten Tag wieder zwischen halb fünf und sechs aufgestanden werden muss. Zum Schluss sitzen nur noch Eva und ich da und vergessen über irgendein Gesprächsthema die Zeit (und essen die gesamte Melone auf!), bis wir um zwölf schließlich auch ins enge Bett fallen - für diese Nacht teilen wir uns zu sechst zwei Doppelbetten.

Montag, 24. März 2014

Wahre Größe kommt von Bauwerken

170. 24.3.2014

Heute schaffen wir es, uns die 500 Meter zum Fort hochzuschleppen. Von dort sieht man, warum Jodhpur Blue City genannt wird. Persönlich finde ich sie noch schöner als Jaipurs pinke Stadt (allerdings nur von oben, in den Gassen geht es noch hektischer, stinkender und vermüllter zu als gewöhnlich). Der hohe Eintrittspreis von 5€ zahlt sich zum ersten Mal in Rajasthan wirklich aus. Inbegriffen ist ein (deutscher!) Audioguide, der interessant und anschaulich über die gigantische Anlage erzählt. Das Fort selbst ist wie so viele hier, nur eben noch ein Stückchen größer und entrückter. Einziger Minuspunkt ist der aus allen Text- und Audiobeiträgen triefende Lokalpatriotismus.
Im Anschluss probiere ich die lokale Variante des Lassis, die so dickflüssig ist, dass sie gelöffelt wird. In kleinen Portionen extrem lecker. Nach einem gescheiterten Übertragungsversuch (der uns 1,5 Stunden kostet, deshalb die Erwähnung) zwischen Pietschs Ipod und meinem Handy (Apple undso) spielen Ladegast und ich noch eine gepflegte Partie Schach, bevor wir uns Richtung Nachtzug nach Agra aufmachen. Mit etwas Glück sehen wir morgen das Taj Mahal und Katha (siehe Afrika) und Eva (ein andermal).

Sonntag, 23. März 2014

Noch ne' Festung

168. 22.3.2014

Die Nacht war dann doch eine Erfahrung. Die Temperaruren sinken von 40ºC auf 15ºC. Durch dem starken Wind braucht man eine dicke Bettdecke, unter die wir außerdem noch Pullis oder Windjacken anziehen. Zu uns gesellt sich ein bemitleidenswerter Hund, den ich mit seinem dreckigen Fell und krustigen Wunden trotzdem nicht unbedingt auf meiner Decke haben möchte. Das stört ihn aber kaum. Die Sonne verkündet bereits die brutalen Tagestemperaturen, als wir fast gleichzeitig aufwachen. Bis elf reiten wir den Weg zurück, werden abgeholt und befinden uns mittags wieder in Jaisalmer. Dort unternehmen wir noch einen Stadtspaziergang, stets bemüht, den Schattenanteil auf den Strecken zu optimieren. Der Zug um 17 Uhr bringt uns nach Jodhpur, knapp sechs Stunden östlich von Jaisalmer. Socke unterhält während der Fahrt beim Gucken ihrer Lieblingsserie Groß und Klein durch ihr schrilles Auflachen, der Rest hört Musik. Pünktlich kommen wir um halb elf am ersten der zwei Hauptbahnhöfe an, warten dort aber 35 Minuten, sodass wir nicht vor halb zwölf zu unserer Unterkunft kommen, die wohlgemerkt nicht vorgebucht ist. Der Rikshafahrer gibt, angefeuert von Sockes "Oh Gott!", "Hilfe!" Ausrufen und einigen Schreien, alles, damit wir die Unterkunft frühzeitig (gealtert) erreichen. In einem psychopathischen Tempo schlängeln wir uns durch die engen Altstadtgassen um das Fort, bremsen für nichts und niemanden, bis uns vier wiederkäuende Kühe einen Strich durch die Rechnung machen. Urplötzlich wird aus dem rücksichtlosen Raser ein vorsichtiger Taxierer, darauf bedacht, keine der Kühe auch nur zu streifen. Die Tiere, die in ganz Indien die Haltung des "keinen Fick gebens" perfektioniert haben, machen das, was sie immer machen - gar nichts. Selbst ein Bein winkelt die Kuh im Weg nicht von alleine an, der Fahrer muss aussteigen und es wegschieben. Kurz darauf eine positive Überraschung beim Hotel: Es ist zwar nur noch eine Suite übrig, doch die können wir zu viert für 2000Rs haben, was angesichts des Zimmers lächerlich ist.

Samstag, 22. März 2014

Auf in die Wüste... Ein bisschen

167. 21.3.2014

Da unser Frühstück eineinhalb Stunden beansprucht, erschlägt die Hitze uns beim Rausgehen bereits. Für die Kamelsafari sind die anderen der Überzeugung Kopfbedeckungen zu brauchen, was bei Ladegast auf einen Turban (harmoniert mit dem Taliban-Bart), bei Pietsch auf einen swaggy Anglerhut hinausläuft. Noch ein paar obligatorische Postkarten, die keiner schreiben will, aber zu denen sich jeder verpflichtet fühlt, und wir werden zur Kamelsafari abgeholt. So wirklich begeistert die mich nicht, die Führer können kaum Englisch, das Essen ist mäßig und um uns herum sind lauter andere Gruppen (wobei ich mit letzterem gerechnet habe). Aber jetzt können wenigstens alle von sich behaupten, mal in der Wüste geschlafen zu haben. Unter freiem Himmel noch dazu. Das Kamelreiten selbst ist anfangs ziemlich anstrengend und unter Umständen schmerzhaft, doch das gibt sich nach einer Stunde. Die Umgebung ist Steppe bis Wüste, gesprenkelt mit kleinen Dörfchen und Müll. Kein Vergleich zur absoluten Abgeschiedenheit in Nordkenia, aber man kann sich immerhin vorstellen, wie schön es sein könnte.

Donnerstag, 20. März 2014

Visualisierung

Sonnenuntergang auf Diu

Am Gomptima Strand, Diu

Meine Mitreisenden in Udaipur

Holi Vorabend vor dem Tempel

Kein Bürgerkrieg, immer noch Holi

Pyromanen

Nachwirkungen von Holi

Mönche auf dem Weg in einen Tempel

Alle zusammen

Wüste, die dritte

166. 20.3.2014

Um neun wache ich durch die zunehmende Hitze auf, die ein Sweatshirt langsam ungemütlich werden lässt. Die anderen (außer Socke, unser Schlafwunder) sind in einer ähnlichen Übergangsphase, als ich sie aufsuche. Um halb zwölf kommen wir Jaisalmer an, woraufhin wir die Ratschläge unseres Reiseführers in den (schlimmerweise nicht vorhandenen) Wind schlagen und mit dem ersten Taxifahrer zu einem viel zu niedrigen Preis ins Stadtzentrum fahren. Ein zu niedriger Preis bedeutet für gewöhnlich, dass man auf der Fahrt an diversen Kommission zahlenden Unterkünften oder Geschäften zum Ansehen gedrängt wird. Doch wir haben Glück, unser Fahrer wirbt vergleichsweise unaufdringlich nur für sein Hotel und natürlich die Kamelsafaris, die er anbietet. Kamelsafaris sind das A und O des Tourismus hier. Wer würde denn nicht gerne wie die Karawanen in alten Zeiten durch den Wüstensand schaukeln? Die Konkurrenz und der Andrang in Jaisalmer sind allerdings enorm, was sich bereits bei unseren Zimmern andeutet, die kriegen wir zu einem selbst für hiesige Verhältnisse zu billigen Preis. Dort verbringen wir die heißesten Stunden des Tages, bevor wir zu einer Stadtbesichtigung/Abendessenssuche aufbrechen. Früher war Jaisalmer nur ein Fort auf einem Sandsteinhügel. Heute dehnt es sich natürlich um ein Vielfaches darüber hinweg aus, aber Stadtkern bleibt die Altstadt im Fort. Wie in Hampi leben auch hier Leute innerhalb der Mauern und gefühlte 80% haben ein Guesthouse, Hotel oder Reisebüro. Ich habe mich schließlich auch zu einer Kameltour über eine Nacht überreden lassen, die wir von unserem äußerst engagierten Hotelbesitzer arrangiert bekommen haben.
Auf dem Heimweg vom Fort im Dunklen muss man auf die Kühe aufpassen, von denen es hier noch mehr als sonst gibt. Sie sind mitunter eine echte Plage, weil sie alles fressen, was aus dem Boden sprießt ohne selbst Fressfeinde zu haben. Außerdem sind nicht alle so friedlich und langweilig, wie sie aussehen. Wenn man ihnen zu Nahe kommt, stoßen sie einen mit ihren Hörnern, was, je nach Form des Horns, ziemlich schmerzhaft werden kann. Bin gespannt, ob man sich hier irgendwann dieses Problems annehmen wird.

Foto: Vor dem Jaisalmer Fort

Touritour

165. 19.3.2014

Um sowohl Zeit, als auch Geld zu sparen habe ich auf unserer Reiseroute ziemlich viele Nachtzüge gebucht, so auch heute. Der "Express"zug nach Jaisalmer fährt aber erst um 23:45 Uhr, was uns genug Zeit für eine komplette Stadtbesichtigung in Jaipur lässt. Aus Bequemlichkeitsgründen (und wegen der als besonders hinterhältig geltenden Rikshafahrer hier) buchen wir eine Tour über das Touristenbüro, ganz klassisch im Bus von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit. Aus vielen Tempeln und Palästen ragen das Planetarium und der Amberpalast heraus. Ersteres ist eine Art Park mit vielerlei Messinstrumenten aus Stein, der heutzutage nurmehr ästhetischen Wert hat. Zweiteres ist ein gigantischer Palast inmitten einer wunderschönen Hügellandschaft, über die sich eine Miniaturversion der chinesischen Mauer zieht (Socke approved). Durch die Pink City fahren wir natürlich auch, aber abgesehen davon, dass alles rosarot gestrichen ist, unterscheidet sie wenig vom Rest Jaipurs. Mir kommen die knappen Zeitvorgaben für die Sehenswürdigkeiten ganz gelegen, weil ich mich ansonsten so lange mit einem Tempel/Palast auseinandersetzen würde, dass ich danach keine Lust mehr hätte. Den Abend verbringen wir erneut im vermeintlich besten Restaurant der Stadt, wo mir erst heute klar wird, wie penibel auf die Stimmigkeit der Einrichtung geachtet wurde. Die Stühle sind Unikate, Boden und Tapeten aufeinander abgestimmt, die Außenmauern kontrolliert von Topfpflanzen überwuchert (paradox) und Licht wie Musik fügen sich ebenso spielend ins Bild ein. Dazu die Sicht auf Jaipur - ich muss TripAdvisor Recht geben.
Über unser Guesthouse laufen wir zum Bahnhof und freuen uns, dass der Zug aus Delhi pünktlich ist. Dafür ist unser Abteil selbst nach Sleeper Maßstäben schäbig und einer hat einen Liegeplatz am anderen Ende des Wagens. Ich biete mich dafür an und bin selbst erstaunt darüber, in welch widrigen Umgebungen ich mittlerweile problemlos schlafen kann.

Fotos: Planetarium / Pink City / Fortmauer

Filmkunst

164. 18.3.2014

Eines muss man der 1. Klasse lassen - es schläft sich verdammt gut! Zumindest für mich und Socke, die anderen beiden dürfen sich ein Bett teilen und eine sehr innige Nacht verbringen (sogar die sonst eher schweigsamen Mitfahrer fanden das witzig). Das Aufstehen um sechs fällt also nicht leicht, speziell Socke, die am Vorabend noch Ewigkeiten gelesen hat. Bahnhofsgegenden sind in Indien ausdruckslos und gleichgeschaltet wie Subwayfilialen, Jaipur macht da keine Ausnahme. Da das beste Guesthouse mit dem besten Restaurant gleich um die Ecke liegt, laufen wir dorthin, um zu erfahren, dass es ausgebucht ist. Nach ein wenig Herumsuchen finden wir eine Bleibe für eine Nacht und können beruhigt frühstücken. Dabei entschließen wir uns, den anstrengenden Sightseeing Teil auf den Folgetag zu verschieben und heute nur für einen Bollywoodfilm und die nationale Lassiinstitution "Lassiwalla" in die Innenstadt zu laufen. Im ältesten Kino der Stadt (und vielleicht schönsten des Landes) läuft eine belanglose Romantikkomödie mit frappierender Ähnlichkeit zu "Meine Frau, ihre Schwiegereltern und ich". Doch die Zutaten umwerfende Frau, muskulöser Mann mit mindestens einer oberkörperfreien Szene, Tanzeinlagen und triefendes Happy End sind enthalten und da der Film im jungen Mittelschichtmilieu spielt, ist das Hindi mit so viel Englisch durchmischt, dass die minimale Handlung erst Recht keine Hürde darstellt. Socke amüsiert sich wie üblich besser als die anwesenden Inder, Pietsch und Ladegast zeigen sich positiv überrascht. Nach der Vorstellung machen wir uns auf die Suche nach dem echten Lassiwalla, in dessen Umgebung sich ein halbes Dutzend Nachahmer unter selbem Namen angesiedelt haben. Im Zweifelsfall einfach dorthin gehen, wo die meisten Einheimischen sind. Die Taktik funktioniert, der Lassi, hier noch altmodisch in Wegwerftonkrügen serviert, schmeckt himmlisch. Leider gibt er auch den angeschlagenen Mägen von Pietsch und Ladegast den Rest (ein halber Liter angereicherte Milch und Zucker sind bei flauem Magen einfach nicht das Richtige). Der Rest der Truppe nimmt also den kürzesten Weg zurück, ich laufe noch einen kleinen Bogen über die Altstadt. Bis zur weltberühmten Pink City dringe ich nicht vor, dafür entdecke ich eine der ärmeren Gegenden mit schmalen Gassen, Tieren, Müllbergen und Kindern, die darin nach Verwertbarem suchen. In Kenia hätte ich wohl geschaut, dass ich schnellstmöglich aus dem Viertel herauskomme, aber hier fühle ich mich nicht bedroht. Im Gegenteil, mehr Menschen als sonst grüßen mich und Kinder winken, sobald sie mich erblicken. Durch mein neurotisches Hetztempo beim Laufen bin ich trotzdem als erster zurück, womit ich bei den anderen einen Schockmoment verursache, als sie die offene Zimmertür sehen.
Zum Abendessen gehen wir in das angeblich beste Restaurant der Stadt in dem ausgebuchten Hotel um die Ecke, ohne Pietsch (Magen) und vorbei am Pussyhund. Der hat diesen Namen von uns erhalten, weil er als einziger von drei oder vier auf dem Anwesen jedesmal wild zu bellen beginnt, wenn wir uns seinem Grundstück nähern, sich aber lautlos zurückzieht, sobald wir zu Nahe kommen. Wenn der Sicherheitsabstand wieder erreicht ist, bellt er uns aber nochmals kräftig hinterher. Das Restaurant enttäuscht nicht, es gibt überdurchschnittliches Travelleressen über den Dächern der Stadt zu günstigen Preisen.

Foto 1: Decke des Kinos
Foto 2: Ein Lassi
Foto 3: Jaipur von der Dachterasse des Peacock Restaurants

Montag, 17. März 2014

Holi

163. 17.3.2014

Zum Kotzen! Soweit kam es zwar nicht, aber mein Magen teilt mir unmissverständlich mit, es heute nicht zu übertreiben. Gelegen kommt da, zumindest für mich, der Umstand, dass es nirgendwo Frühstück gibt. Nachdem die Kleidung gewechselt wurde und wir mit Farbbeuteln und Spritzpistolen bestückt sind, trauen wir uns aus dem Haus. Innerhalb von zehn Minuten sehen wir aus wie Regenbögen. Allerdings ist es weit harmloser als erwartet, zwar ist man bevorzugtes Ziel, aber außer ein paar Kindern gerät niemand völlig außer Rand und Band, und die werden auch ziemlich schnell zurückgepfiffen. Die meiste Zeit wird man mit Farbe bestrichen und umarmt (zweiteres natürlich vor allem Socke). Zwei Stunden schlendern wir durch Udaipur, ungefähr ebenso lange dauert es danach, bis jeder geduscht hat. Ich bin überglücklich, dass meine Haare wieder ihre Ursprungsfarbe annehmen, während Hals und Schultern bei jedem einen graubraunblauen Teint beibehalten.
Danach schlafen wir bis zum Abendessen. Mir ist klar, dass das in meinem Zustand das Beste für mich ist, aber das "du-verpasst-etwas"-Gefühl nagt trotzdem.
Als wir nach dem Essen auf die Uhr schauen, kommt Panik auf, nur noch eine Stunde bleibt bis zur Zugabfahrt. Kurz darauf stelle ich fest, dass ich mich um eine Stunde vertan habe und wir zu früh dran sind.
Als Kontrastprogramm zum andauernden Sleeperwagen habe ich für uns 1. Klasse AC gebucht, die teuerste der vier Klassen. Wie immer in Indien ist das relativ zu betrachten, die Nachtfahrt kostet ~19€ pro Person. Wermutstropfen ist, dass wir nur drei bestätigte Betten und einen Waitlist Platz haben, sich letztlich also zwei von uns ein Bett teilen müssen. Neben AC gibt es in den Kabinen breite Liegen, Bettwäsche, Kleiderschränke, Steckdosen und Holzverkleidung. Dafür sind die Menschen langweilig und furchtbar distanziert. Perfekt also, um Land und Leute zu umgehen ohne auf Luxus verzichten zu müssen. Nicht, dass ich die Buchung bereuen würde, aber ich habe wenig Verlangen danach, nochmal in der Klasse zu fahren.

Sauna

162. 16.3.2014

Da mein Schlafrhythmus nicht für die Allgemeinheit geeignet ist und darauf bestanden wird, dass kein Wecker benutzt wird, sind wir erst um elf aufbruchsbereit. Zu dieser Zeit verlässt man sein vergleichsweise kühles Zimmer aber nicht mehr ohne triftigen Grund. Wir kaufen einige Farbbeutel (12ct statt 2€ wie auf den deutschen Plagiatveranstaltungen), Spritzpistolen und was man sonst so benötigt, um sich einer Horde wilder Inder stellen zu können. Danach sind wir bis zwei wieder im Hotel, als wir uns dazu aufraffen können, den Stadtpalast zu besichtigen. Architektonisch zu heterogen um zu beeindrucken (die verschiedenen Herrscherfamilien errichteten Anschlussbauten im jeweils zeitgenössischen Stil), beherbergt er ein für hiesige Verhältnisse hervorragendes Museum. Wegen der Hitze machen wir andauernd Pausen und lassen uns sehr viel Zeit. Unterhaltsam ist vor allem die Malerei im Mogulstil, bei der es witzigerweise nur die Profildarstellung gibt. Wenn eine Person also beispielsweise in den Raum hineinreitet, wird sie nicht verkürzt, sondern einfach um 90º gedreht, sodass sie sich nach oben bewegt. Dasselbe geschieht mit Mauern und Gebäuden und es scheint kein Stilmittel, sondern Unvermögen zu sein, da auf späteren Bildern (18. Jhd.) Perspektive und Darstellung stimmiger sind.
Vom Stadtpalast fahren wir mit einer Riksha zum Fateh Sagar, einem weiteren angrenzenden See, an dessen Ufer sich der einstige Lustgarten der Mogulen befindet. Instandgehalten und sauber macht er einen guten Eindruck, den vor allem indische Pärchen und Familien zu schätzen wissen. Gemächlich laufen wir durch einen untouristischen Teil Udaipurs zurück zu unserem Hotel und von dort direkt weiter zum Tempelvorplatz. Am Vorabend von Holi werden in den Straßen große Strohpuppen, die irgendeine Dämonin symbolisieren sollen, verbrannt. Die größte Puppe und die größte Party sind jedes Jahr auf diesem Platz. Da wir nicht allzu große Lust verspüren, wie einige andere Weiße (zur Begeisterung des fast ausschließlich männlichen, indischen Publikums) auf der erhöhten Tanzfläche die Hüften kreisen zu lassen, suchen wir uns ein, genau, Dachterassenrestaurant, von wo wir einen genialen Überblick auf das Geschehen haben. Um etwa halb zehn wird die Puppe verbrannt, indem eine hundert Meter lange Crackerkette angezündet wird und sich unaufhaltsam und ohrenbetäubend ihren Weg knallt. Da wir direkt über der Kette sind, kämpfen wir zwischenzeitlich mit einer Rauchvergiftung und husten noch bis zum Schlafengehen. Nachdem die Strohpuppe und diverses Feuerwerkszeug abgebrannt sind, darf der DJ noch einmal 10 Minuten Party machen, bevor die Polizei der Veranstaltung ein Ende setzt, zum Unmut der anwesenden Inder (es war aber auch schon halb elf!). Wir schaffen es zum Hotel ohne mit Farbe beschmissen zu werden. Ein bisschen mulmig fühle ich mich, aber die Vorfreude überwiegt.

Samstag, 15. März 2014

Stadt der Dachterassen

161. 15.3.2014

Dachterassenrestaurants sind in Udipur das Maß aller Dinge, je höher, desto besser. Die Stadt scheint konzipiert für bestmögliche Rundumpanoramen. Das Frühstück kann in unserem Fall nicht mit der Gebäudehöhe mithalten, was damit beginnt, dass die Bedienung mir anbietet, anstatt eines nicht verfügbaren Fruchtsaftes doch einfach eine Banane zu essen, zum selben Preis, versteht sich.
Auch das gewählte Guesthouse besticht durch doppelstöckige Dachterasse, hat aber überdies günstige Zimmer und einen wunderschönen Innenhof ("Nukkam Guest House" - habe noch nie zuvor eine Unterkunft dieser Preisklasse mit 4,5 Punkten auf TripAdvisor gesehen). Mittlerweile ist es elf, die Straßen leeren sich, die unproduktive Mittagszeit bricht an. Auch wir bleiben bis drei in unserem Zimmer, sobald man die Hand aus dem Fenster hält, vergeht einem jegliche Unternehmungslust. Als es langsam beginnt abzukühlen, machen wir uns zuerst auf die Suche nach Holikleidung. In zwei Tagen ist nämlich der Termin zum originalen Fest der Farben. Mir bleibt unverständlich, wie man den Übergang von Winter zu Frühling, also von Hitze zu unerträglicher Hitze feiern kann (der kühlende Monsun kommt erst Ende Juni), aber ich bin ziemlich gespannt wie Holi in der Realität gefeiert wird. Vorab rät uns ein Verkäufer, der uns zu fast fairen Preisen mit weißer Kleidung ausstattet, auf Sophia aufzupassen. Neben Silvester ist Holi der einzige Anlass, bei dem öffentlicher Alkoholkonsum toleriert wird, entsprechend opportunistisch und hemmungslos wird zugelangt. Aber da will ich nicht zu sehr vorgreifen, das wird sich übermorgen zeigen.
Trotz zunehmenden Hungers unternehmen wir noch einen Ausflug zu einem nahegelegenen Monsunpalast auf einer Bergspitze. Über die Namensherkunft kann ich nur Vermutungen anstellen, vielleicht waren die Städte zu Monsunzeiten so widerlich, dass wer es sich leisten konnte geflohen ist. Oben überrede ich Socke zur Freude aller, eine Gruppe von vier jungen Indern um ein gemeinsames Foto zu bitten. Deren harte Posen werden durch das Honigkuchenpferd in der Mitte umso mehr ins Lächerliche gezogen, doch sobald das Foto im Kasten ist und die Grimassen wieder gelöst werden können, können die vier ihr Glück kaum fassen. Wir verabschieden uns freundlich und suchen schnellstmöglich ein Restaurant auf. Nach dem Abendessen (auf einer Dachterasse) sitzen wir auf unserer eigenen Dachterasse, die bei Nacht einen atemberaubenden Blick auf den See und das darauf erbaute Lake Palace Hotel bietet, dass die meisten wohl schon einmal in irgendeiner "die 20 schönsten Plätze der Welt" Liste gesehen haben.

Transfer

160. 14.3.2014

Rekordversuch: Längste Zeit unterwegs zwischen zwei Orten. Bisheriger Champion, sieht man vom Hinflug ab, ist die schreckliche Busfahrt von Kitale nach Lodwar in Kenia mit 13 erschütternden Stunden. Heute stehen uns nur 12 bevor, gefolgt jedoch von einer Zugfahrt. Bei dieser Tagesreise legen wir unglaubliche 700km zurück. Die Busfahrt steht der in Afrika in Punkto Ungemütlichkeit in nichts nach. Die besseren Straßen werden durch die Höllentemperaturen locker ausgeglichen, gegen 38ºC und eitel Sonnenschein ist jeder ICE mit ausgefallener Klimaanlage im deutschen Sommer eine Erfrischung. Um sieben Uhr morgens gestartet, kommen wir zum Sonnenuntergang in Ahmedabad an, wo wir uns über das nächstgelegene Restaurant, in diesem Fall McDonalds, hermachen.
Erst um elf fährt der Zug von Ahmedabad nach Udaipur, auf Schmalspur. Das bedeutet zum einen weniger Platz in den Waggons, zum anderen eine niedrigere Geschwindigkeit, sodass wir für die 300km weitere 10 Stunden benötigen. Bedrückenderweise schlafen Pietsch und Ladegast bereits beim ersten Mal in der Sleeperklasse besser als ich. Ausgeruht kommen wir am nächsten morgen pünktlich(!) in Udaipur an, dem Beginn unserer Rajasthantour durchs Urlaubsbilderindien.

Summer on top of the world ist nicht angenehm

157. 9.3.2014

Pünktlich zum Sonnenaufgang machen wir uns auf den Weg den Shatrunjaya hinauf. Der für Jains heilige Berg ist durch 3300 Treppenstufen erschlossen, die zumindest 80 Minuten beanspruchen. Für umgerechnet 12€ kann man sich auch in einer einer Dholi, so etwas wie eine Sänfte, hochtragen lassen. Auf der Spitze sind über die letzten 500 Jahre ca. 900 Tempel entstanden. Selbst wenn die meisten davon winzig sind, ergibt das ein beeindruckendes Gesamtbild, das man leider nicht fotografieren darf. Eine Amerikanerin, die wir gemeinsam mit einer Freundin, zwei Deutschen und einer Slowenierin treffen, erzählt mir allerdings, dass das Verbot erst seit zwei Monaten existiert. Da außerdem die anwesenden Inder ebenso ungeniert ihre Tablets auf Motive ausrichten, beschließe ich, die Vorschrift zu ignorieren (hier ist eh fast alles auf Gujarati, hätte ich übersehen können).
Gemeinsam mit der bunt zusammengewürfelten Truppe, die nur den Umstand gemeinsam hat, dass alle für längere Zeit in Bhavnagar leben (aus beruflichen Gründen - andere kann ich mir bei diesem Ort auch nicht vorstellen), steigen wir wieder hinunter und werden dabei angestarrt wie eine seltene Spezies. Als wir unten an einem schattigen Plätzchen eine Pause einlegen, mit 6 Indern um uns herum, warte ich nur darauf, dass einer mit seinem Wanderstock jemanden piekst, damit Bewegung in die seltsame Herde kommt. Die Bhavnagarer verschwinden alsbald, man kann es ihnen bei der Aussicht auf ein AC Auto auch nicht verdenken. Wir laufen zurück zum Hotel und versuchen auch heute bis zum Sonnenuntergang unnötige Bewegungen möglichst zu vermeiden. Danach noch Essen in dem einzigen vernünftigen Restaurant Palitanas, dessen Manager uns bereits lieb gewonnen hat und Tipps für die Weiterreise gibt. Zu guter letzt früh schlafen, morgen wird mal wieder ein Bustag, zumindest die erste Hälfte.

PS: Das kleine Jain Mädchen ist tatsächlich wieder erschienen. Leider war Sophia zu dem Zeitpunkt ziemlich entnervt und hat sie weggeschickt. Ein bisschen suspekt war sie mir zugegebenermaßen auch.

Freitag, 14. März 2014

Diu

159. 11. - 13.3.2014

Die Tage in Diu vergehen wie im Flug und lassen sich am besten in einem Rutsch beschreiben. Wir sind nicht wegen irgendwelcher Sehenswürdigkeiten gekommen, sondern um uns mal einige Tage von dem stetigen Umherreisen zu erholen und damit Ladegast (niemand nennt ihn bei seinem Vornamen Jonas) der Einstieg etwas erleichtert wird. Geliehene Fahrräder, die in Deutschland nichtmal mehr geklaut würden, sorgen für die nötige Mobilität von der Stadt zum Strand und zurück. Sogar Ladegast holen wir vom 7km entfernten Flughafen mit Fahrrädern ab, indem ich auf dem Hinweg ein zweites mit einer Hand neben mir balanciere. Mit so viel Bayreuth um mich bezweifle ich zwischenzeitlich 7000km entfernt davon zu sein. Ladegast feiert beim Essen im Restaurant wie jeder andere zuvor das Preisniveau (20€ für vier Personen mit Vorspeise und Bier). Abends wird vom freien Alkoholausschank großzügig Gebrauch gemacht. Auch wenn die Strände hier nicht so schön sind, hat Diu einige Vorteile gegenüber Gokarna oder Goa. Erstens ist die Polizei hier noch viel gelassener, zweitens muss man sich den Strand nicht mit vielen teilen. So ziehen die drei Tage an uns vorbei ohne dass wir viel erleben, was nicht heißt, dass uns langweilig würde. Vielmehr verfallen wir in den Strandurlaubsmodus, sind bis zwei Uhr nachts am Meer, stehen um elf auf und liegen auch danach die meiste Zeit herum. Viel mehr lässt die Hitze bis fünf auch nicht zu. Ich habe gewisse Befürchtungen, seitdem mir Vidya geschrieben hat, ich solle das Klima auf Diu genießen, Rajasthan würde "crazy hot" werden.

Montag, 10. März 2014

Urlaub vom Urlaub

158. 10.3.2014

Dank der miesen Infrastruktur Gujarats verbringen wir für die 200km nach Diu acht Stunden in elendig langsamen Local Busses. Nach dem Überqueren des Fahrdamms zur Insel fühlt man sich in einer anderen Welt. War man eben noch in einem der armen, konservativen Nordstaaten mit Fäkaliengeruch und Zoos auf der Straße, umgeben einen plötzlich leuchtend bunte Häuser, Inder mit langen Haaren und Südseeflair. Die Idee mit der Unterkunft direkt am Strand erweist sich leider als nicht praktikabel, weil die wenigen Resorts ihre sowieso schon hohen Preise zum Holi Fest noch einmal nach oben korrigiert haben. Ein netter Inder, der in Großbritannien lebt und mein Vertrauen durch akzentfreies Englisch gewinnt, empfiehlt uns das Star Guesthouse im Ort. Ein guter Tipp, sogar Warmwasser, für mich momentan der Inbegriff von Luxus, gibt es hier. Nachdem sich alle frischgemacht haben, unternehmen wir unfreiwillig einen längeren Spaziergang durch die Stadt auf der Suche nach einem nicht existierenden Restaurant. Schließlich gehen wir einfach ins nächstbeste mit Alkoholausschank (noch vor den Stränden wohl Tourismusfaktor #1, besonders, da das angrenzende Gujarat trocken ist). Auch wenn nicht alles so perfekt geklappt hat, wie ich es mir vorgestellt hatte, lassen sich drei Tage hier durchaus gut aushalten.

Samstag, 8. März 2014

Oh Gott, ein Weißer

156. 8.3.2014

Obwohl ich es nicht so empfinde, erzählt Pietsch am nächsten Morgen ich hätte geschlafen wie ein Baby. Trotz halboffenen Fensters, ständigen Hupens und dem herumgeschleudert werden durch die Speedbreaker in Kombination mit miserablen Stoßdämpfern. Ich fühle mich nicht allzu ausgeruht, aber "glücklicherweise" stehen noch weitere 6 Stunden Fahrt bis zum Zielort Palitana an. Die Gujaratis scheinen wie die Tamilen ganz im Süden echte Sprachnazis zu sein, denn Englisch spricht kaum einer und die Schilder am Busbahnhof sind nicht einmal auf Hindi, sondern nur in der Lokalsprache.
Eine Blätterteigtasche mit undefinierbarer, scharfer Füllung sättigt für den Moment und macht mir deutlich, was ich mittlerweile alles herunterbekomme. Um kurz vor 9 fährt der Bus ab und wir scheinen die einzigen an Bord mit Englischkenntnissen zu sein. Unangenehm wird es, als eine Gruppe der üblichen Verdächtigen, angefeuert durch das Kichern anwesender Mädchen, unaufhörlich Witze über uns macht. Ich ignoriere sie für mindestens eine halbe Stunde, doch irgendwann reicht es mir. Ich sage etwas ziemlich beleidigendes auf Englisch, verbunden mit der Bitte, die Schnauze zu halten und bin ganz verwundert darüber, dass es Wirkung zeigt. Bis sie aussteigen (zugegebenermaßen nicht viel später) bleiben die Halbstarken ruhig. Die Mädchen, die zuvor noch gelacht haben, starren uns nun, da sie freies Sichtfeld haben, an wie von einem fremden Planeten. Wie üblich trauen sie sich kein Wort zu sprechen , kichern nur ab und zu. Mit Socke haben sie immerhin ein Mädchen, dass sie ansprechen können und irgendwann nimmt die Älteste all ihren Mut zusammen und fragt in gebrochenem Englisch nach unseren Namen. Eine Konversation entwickelt sich daraus natürlich nicht, aber das gegenseitige Beobachten ist auch ganz unterhaltsam. In Palitana wird schnell klar, dass dieser Ort eher selten westliche Touristen zu Gesicht bekommt. Zum einen gibt es in der 70 000 Einwohner zählenden Stadt ganze zwei Hotels, die aber nur geringsten (sprich unseren) Ansprüchen genügen, zum anderen werden wir am Busbahnhof innerhalb von zehn Minuten dreimal angesprochen (mehr oder weniger Englisch). Nicht von Rikshafahrern oder Verkäufern, sondern von neugierigen Indern. Den Nachmittag über ruhen wir uns aus, nach über 20 Stunden Fahrt ist Abendessen genug Programm für heute. Doch selbst ein Restaurant ist hier keine Selbstverständlichkeit, zumindest, wenn die Speisekarte mehr als fünf Gerichte umfassen und diese nicht nur in Gujarati auflisten soll. Nach einer halben Stunde finden wir eines, wenn auch überteuert. Auf dem Heimweg hält plötzlich ein Roller neben Socke, mit einem kleinen Mädchen und ihrem Bruder darauf. Ohne Umschweife bittet uns die vielleicht 11-jährige mit zu sich nach Hause (und das im Übrigen in makellosem Englisch). Wir sind zuerst ziemlich überrumpelt, entschließen uns dann aber dagegen und schlagen ihr vor, uns am Folgetag um zwei Uhr nachmittags vor unserem Hotel zu treffen. Mal sehen, ob sie kommt.

Übergang

155. 7.3.2014

Pietsch bestellt auf unser Anraten ein Paper Dosa, ohne zu wissen, was das ist. Als die etwa 1m lange Teigrolle auf unseren Tisch kommt, ist er doch etwas verblüfft, vor allem darüber, dass man so ein Monstrum für 1,20€ bekommt. Übersättigt gelangen wir zum Buchungsbüro für den Nachtbus nach Ahmedabad und daraufhin nach Ellora, eine der zwei künstlichen Höhlenanlagen in der Umgebung. 29 sind es an der Zahl, fast ausnahmslos zu religiösen Zwecken aus dem Stein geschlagen, wobei sich Hinduismus, Buddhismus und Jainismus vermischen. Mir fehlt vermutlich die Fantasie, um Ruinen wirklich genießen zu können, denn bis auf den Haupttempel sind die Überreste nicht so vielsagend. Dementsprechend reichen die zwei Stunden, die wir zur Verfügung haben, auch vollkommen aus. An der Bushaltestelle wartend bietet uns ein Rikshafahrer an, die 30km zurück für etwas mehr als den Buspreis zu fahren, was wir natürlich annehmen. In Anbetracht der Tatsache, dass die Fahrt normalerweise das Vierfache gekostet hätte, schätze ich, dass er sowieso nach Aurangabad musste und lieber etwas als gar kein Geld verdienen wollte. Komfortablerweise werden wir direkt vor dem Hotel abgesetzt, packen und fahren weiter zur Bushaltestelle, wo unser Coach bereits wartet. Er ist klappriger als der vorige und die Betten sind härter, dafür haben wir Betten in der ersten Reihe. Bevor es losgeht, organisieren wir uns ein Abendessen von den Streetfood Ständen in der Nähe, bestehend aus Reis und frittiertem Blumenkohl. Das stellen sich Inder unter chinesischem Essen vor und sie lieben es. Kaum ein billiges Restaurant, dass keine Manchow Suppe oder Sezchuan Nudeln hat. Mit echter China-Küche hat das genauso wenig zu tun wie unsere Fried Noodles Imbisstände, aber es schmeckt gut und ist mitunter billiger als das lokale Essen.
Mit der folgenden 15-stündigen Busfahrt verlasse ich Südindien geographisch. Wenn auch die Hauptsehenswürdigkeiten zum Großteil im Norden und damit noch vor mir liegen, kann ich mir schwer vorstellen, dass er mir so gut gefallen wird wie der Süden. Nach fünf Monaten hat sich mein Fokus von "viel sehen" zu "viel lernen und erleben" verschoben. Mir ist jede Bekanntschaft von Dauer lieber als das Taj Mahal bei Sonnrnuntergang. Aber pessimistisch bin ich nicht, selbst wenn die Locals im Norden tatsächlich nur stockkonservative Traditionalisten ohne Englischkenntnisse sein sollten, habe ich dieses Mal einige Freunde dabei.

Donnerstag, 6. März 2014

Schwer zu beschreiben

154. 6.3.2014

Der Zug fährt um zwei, Check-Out ist um zwölf und ich bin voller Tatendrang, wo wir nun einmal nur zwei Tage in Mumbai haben. Der Vormittag reicht sicher noch für den Besuch einer Galerie, Citibank und Frühstück. Zeitlich hätten wir (ohne Socke, die das einzig richtige macht und weiterschläft) es sogar geschafft, aber ich habe die Tatsache, dass in Indien vor zehn alles geschlossen ist, vollkommen außer Acht gelassen. Die Galerie trumpft durch laisser-faire auf und öffnet nicht vor elf Uhr. Ergo verbringen wir die Zeit im Hotel beim Verrichten von mehr oder weniger wichtigen/notwendigen Aufgaben. Mittags geht es dann per Taxi und S-Bahn nach Dadar, von wo der Express nach Aurangabad fährt. Unser Zug, der Shatabdi, ist der Stolz der indischen Eisenbahn. Warum weiß ich nicht. Die Innenausstattung ist minimal besser, die Preise etwas höher und schneller sind wir auch nicht. Wobei speziell ich durch meine Anatomie wie ein Schüler mit ADHS auf meinem Sitz rumrutsche beim verzweifelten Versuch, eine Position zu entdecken, bei der kein Körperteil nach 10 Minuten einzuschlafen beginnt. Bei sieben Stunden Fahrt eine echte Tortur. Um dreiviertel neun kommen wir im gänzlich uninteressanten Aurangabad an, dass wir nur wegen seiner Nähe zu einigen ärcheologischen Stätten besuchen. Wir finden eine typisch indische Stadt mit Kühen und baufälligen Häusern wie Straßen vor. Nachdem wir über eine Stunde auf der Suche nach dem besten Hotel umhergewandert sind, können wir uns darauf einigen, dass das erste doch das beste war. Die Frustration über die Sinnlosigkeit des Weitersuchens wird durch ein ausgiebiges Abendessen gelindert oder zumindest verdrängt und so endet ein recht ereignisloser Tag.

Über den Dingen

153. 5.3.2014

Pietsch landet um 8:20 Uhr in Mumbai. Für uns bedeutet das, dass wir um viertel sieben aufstehen müssen, um per Vorortzug rechtzeitig anzukommen. Dabei übersehen wir, dass die Züge nur in der Nähe des nationalen Terminals halten, das internationale ist 5km davon entfernt. Bleibt nur ein Taxi, ebenso bei der Rückfahrt mit Pietsch und Gepäck, die sich dank der morgendlichen Rushhour über eineinhalb Stunden zieht.
Nachdem alle ausgeruht sind, gehen wir exakt dieselbe Strecke wie ich am Vortag, wobei wir bei der Hälfte in einen Zug nach Worli steigen. Worli ist noch widersprüchlicher als der Rest von Mumbai, weil hier Fünf-Sterne Hotelhochhaus und Slum nur einen Steinwurf voneinander entfernt sind. Pietsch startet beim indischen Essen mit einem Sizzler richtig durch, ich entdecke eine neue Brotsorte, die so gebacken wird, dass sie beim Servieren das Volumen eines Medizinballs hat, innen jedoch hohl ist. Motiviert durch die bisherigen Ausgaben laufen wir nach dem Essen zum Aer, Mumbais angesagteste Bar/Club (in diesem Fall keine Phrase). Auf einer Dachterasse im 34. Stock wirkt die Stadt erhaben, nur die schwarzen Flecken deuten darauf hin, dass inmitten einer 20 Millionen Metropole noch Menschen ohne Strom leben müssen. Das Publikum ist international und mehr als wohlhabend (aber nicht arrogant), die Preise selbst zur Happy Hour am Rand des Erträglichen (8€/Drink). Aber die Sicht und der Sonnenuntergang sind es wert. Socke, nach wie vor krank, stößt die getrunkenen Cocktails im Hotel recht schnell wieder ab. Wenn sie sich weiter weigert, werde ich ihr die Vomacur Tabletten ins Wasser mischen.

Mittwoch, 5. März 2014

Das Übliche

152. 4.3.2014

Die Zugfahrt nach Mumbai ist spektakulär, zuerst schlängeln sich die Gleise an den zur Küste abfallenden Ghats hinunter, dann fährt man durch schier endlose Vororte und erlebt Urbanisierung im Zeitraffer. Ohne dass sich das Zentrum ankündigen würde, sind wir plötzlich am Victoria Terminus, dessen neuen Namen kaum jemand benutzt. Da Rikshas im südlichen Teil Mumbais verboten sind, nehmen wir für die letzten Kilometer nach Colaba ein Taxi. Die Unterkunftssituation ist tatsächlich so katastrophal wie beschrieben. Für 700Rs kriegt man ein Loch in der Wand, für 2000 ein normales Doppelzimmer. Wir entscheiden uns für einen Kompromiss, ein badloses, schönes Zimmer mit Blick aufs Taj Mahal Palace Hotel für 1600 Rupees. Anderswo ist das Mittelklasse, aber was solls, so sind Metropolen nun einmal. Das Taj Mahal Hotel ist übrigens das exklusivste Hotel Indiens gewesen. Mittlerweile gibt es zwar luxuriösere, aber keines davon hat den Ruf oder den Charme dieses beinahe 100 Jahre alten Palastes. Direkt daneben befindet sich praktischerweise das zweite Wahrzeichen Mumbais und irgendwie auch Indiens, der Gateway of India. Ehrlich gesagt ist er spätestens seit hier eine Skyline entsteht nicht wirklich monumental, er wirkt mehr wie ein nettes Relikt aus Kolonialzeiten. In Sightseeinglaune trenne ich mich von Socke, da meine Art von Stadtrundgängen erfahrungsgemäß planlos, lange und anstrengend ist. Ich laufe etwa 10km von Colaba, der "Altstadt", über den Victoria Terminus zum Marine Drive, einer Küstenpromenade, entlang derer sich das neue Mumbai in Form von Hochhäusern, Sauberkeit und Liebespaaren präsentiert. Genau, Liebespaaren. Wenn ich ein Symbol für den gesellschaftlichen Wandel in Indien aussuchen könnte, dann unschuldig in der Öffentlichkeit kuschelnde Pärchen. Hier am Marine Drive sind sogar Küsse legitim. In einem Land, wo mehr als 80% den Partner nicht selber wählen, bei Beziehungsfragen der Passiv üblich ("I got married to...") und Sex nach wie vor ein Tabu ist, ist das eine kleine Revolution. Eine schöne noch dazu. Überhaupt stelle ich fest, wie gerne ich die neue, liberale Generation von Indern mag. Sie sind einerseits westlich, andererseits aber sehr familienverbunden und bescheiden (und ihr Englisch ist klasse). Während der Individualitätshype bei uns teilweise absurde Züge annimmt, steckt diese Art von Lebensstil hier noch in den Kinderschuhen. Irgendwie beschaulicher.
Umringt von Paaren, Collegestudenten und kricketspielenden Kindern schlendere ich über den Chowpatty Beach nach Malabar Hill, einer Wohngegend in bester Lage. Nachdem ich dort von oben einmal rundum sehen konnte, laufe ich zur nächsten S-Bahn Station und fahre zurück nach Colaba, wo mir eine kränkliche Socke vor der Tür bewusst macht, dass ich ja die Schlüssel habe.
Das Abendprogramm misslingt leider fatal. Heute habe ich noch herausgefunden, dass Ele und Sven ebenfalls in Mumbai sind, wegen ihres Abflugs. Aus dem abgesprochenen Abendessen im Restaurant wird zuerst ein gemeinsames Bier in einer hippen Bar in Bandra und dann eine Absage, da der Freund, bei dem sie unterkommen, erst um zehn von der Arbeit zurück ist und ihr Flug um ein Uhr geht. Socke ist heute eher nicht für Nachtleben zu haben, also setze ich meine Hoffnungen auf Pietsch, den wir morgen früh vom Flughafen abholen werden. So kriege ich zumindest eine Nacht ausreichend Schlaf.

Montag, 3. März 2014

Stadtrundfahrt

151. 3.3.2014

Erst um halb zehn wache ich auf und verbringe den Vormittag mit der Planung unserer Weiterreise, während Socke schläft und schläft und schläft. Um halb eins beschließe ich, dass eine Erkältung kein hinreichender Grund für über 13 Stunden Schlaf ist und wecke sie. Kurz darauf werden wir bereits von Ashwini und ihrer Schwester abgeholt. Wir wollen zu einem Berg in der näheren Umgebung Punes fahren, der neben tollen Aussichten besonders leckeres südindisches Essen zu bieten hat. Hätte, den die Straße ist "under construction" und für eine Trekkingtour ist es bereits zu spät. Also kurven wir erneut durch das erstaunlich große (5 Millionen Einwohner) und vor allem konfus angelegte Pune. Sich hier im Verkehr zurechtzufinden erscheint unmöglich. Es gibt kaum Wahrzeichen zur Orientierung, das Terrain ist flach und wenn man einmal die Richtung herausgefunden hat ist garantiert, dass die richtige Straße zu einem One-Way umfunktioniert wurde und man einen weiten Bogen fahren muss. Trotzdem kommen wir nach ewiger Fahrt bei Ashwinis Familie an. Sie leben in einem dieser neuen Appartmentblocks für die Mittel- und Oberschicht in einem Vorort (Deutschland scheint das einzige Land der Welt zu sein, wo zentrale Wohnlagen begehrt sind). Durch den jahrelangen Auslandsaufenthalt ist ihr Englisch perfekt (und zumindest für die Kinder war es die erste Sprache), mittlerweile sind die Eltern in Rente, Ashwinis Schwester arbeitet als Akustikingenieurin. Doch bis zur Hochzeit lebt man bekanntlich unter einem Dach hier. Zum Essen gibt es typisches Maharashtra(der Bundesstaat)essen, in diesem Fall verschiedene Fladenbrote, Reis, Dal und eine Art Auberginensalat. Ich brauche mir eigentlich nicht mehr die Mühe machen, jedesmal zu sagen wie gut das Essen hier ist, in Zukunft vermelde ich nur noch, wenn etwas ausnahmsweise schlecht geschmeckt hat. Nach dem Essen haben wir ein ausführliches Gespräch über unterschiedliche Küchen dieser Welt und die kauzigen Westler, die meinen für ihre Selbstfindung in einen Ashram nach Indien kommen zu müssen (die Lokalbevölerung findet das genauso bizarr wie ich). Danach werden wir zu unserem Homestay chauffiert. Man müsste Freunde in jeder Stadt haben.

Sonntag, 2. März 2014

Filmkunst

150. 2.3.2014

Während der Nacht wird es im Abteil empfindlich kalt, was man Socke am nächsten Morgen anhören kann. Sie hat sich eine Erkältung inklusive Heiserkeit eingefangen, aber immerhin geschlafen wie ein Baby. Mit eineinhalb Stunden Verspätung erreichen wir Pune, wo Ashwini bereits (seit langem) auf uns wartet. Soniya und Sheetal sind zumindest heute außer Stadt. Die Hotelsuche verläuft katastrophal, bis Ashwini irgendwann in Erfahrung bringt, dass keines der Hotels in Bahnhofsnähe uns als Ausländer aufnehmen wird, vorgeblich weil die bürokratischen Auflagen dafür zu aufwendig seien. Wir müssen Vorlieb nehmen mit dem Viertel um den Koregaon Park, das voll und ganz auf Ausländer eingerichtet ist, da hier der Osho Ashram steht, dessen berühmter Gründer heilssuchende Westler in Scharen aufgenommen und ihr Geld in Bündeln angenommen hat. Auch nach seinem Tod gibt es offenbar noch genug Jünger, um ein halbes Stadtviertel zu unterhalten. Um zwei sind wir tatsächlich frisch geduscht und mit geputzten Zähnen bereit für den Tag. Da Pune nicht viel zu bieten hat, machen wir einfach aus unserer Einkaufstour eine Stadtrundfahrt, deren Höhepunkt ein abendlicher Besuch eines Bollywood Films ist. Ashwini hat sich sehr gefreut, als ich erzählt habe, dass ich unbedingt einen sehen möchte. Doch Bollywood ist nicht gleich Bollywood. Wie bei uns besteht der Löwenanteil aus seichten Liebeskomödien und Hau-Drauf Actionfilmen, doch aus den Studios kommen durchaus hochwertige Filme. Da diese aber nicht repräsentativ sind und Ashwini bei einer komplexeren Handlung gar nicht mehr aus dem Erklären rauskäme (Sprache ist immer Hindi), entscheiden wir uns für Gunday, einen Actionreißer mit zwei von Bollywoods bekanntesten Muskelprotzen. Technisch und von der Handlung her könnte er auch ein B-Klasse Actionfilm aus Amerika sein, die Unterschiede liegen bei Inszenierung und Erzählung. Zuerst einmal ist alles over-the-top. Es vergeht keine Minute ohne actionfilmtypische Kamerafahrten und Slow-Mos, Dosierung ist nicht vorhanden. Womit man als Hollywood geprägter Deutscher mehr zu kämpfen hat, ist die fehlende Stringenz der Handlung. Es ist kein Vorurteil, dass in Bollywoodfilmen getanzt wird und es kann schon passieren, dass ein Liebespaar, gerade noch vorm ersten Kuss, plötzlich in den Alpen steht und gemeinsam eine Ballade singt.
Ein anderes Klischee wurde dafür widerlegt: Das Happy-End. Der Film endet mit dem Tod der beiden Hauptcharaktere, die sich dadurch zwar selbst treu bleiben, aber dafür den Preis bezahlen müssen. Für mich nicht weiter schlimm, weil ich ihren Gegenspieler, einen smarten, schmächtigen, unprätentiösen Polizisten sowieso cooler fand als die zwei fehlendes Hirn durch breitere Oberarme ausgleichenden Helden. Socke sieht das anders und heult am Ende, woraufhin Ashwini und ich fast dasselbe vor lachen müssen. Später relativiert sie diesen Gefühlsausbruch, da sie anscheinend bei ziemlich jedem Film irgendwann zu weinen beginnt.

Samstag, 1. März 2014

Geschichtsstunde

149. 1.3.2014

Hyderabad hat ein gemäßigtes Klima und wir eine kalte Dusche. Der Start in den Tag hätte angenehmer verlaufen können. Unausgesprochene Abmachung heute scheint zu sein, dass wir alles sehr langsam und gemächlich angehen, nachdem die letzten Tage ziemlich stressig waren und die folgenden ihnen kaum nachstehen werden. Mit dem Bus fahren zum Golkonda Fort, das vor langer Zeit mal sehr wichtig war und es heute noch für den Tourismus ist. Während der Fahrt spricht uns zu meiner vollkommenen Überraschung eine junge Frau in Hijab in fast perfektem Englisch an. Durch den Straßenlärm habe ich trotzdem nicht alles verstanden, aber fest steht, dass sie aus Saudi-Arabien kommt, in Hyderabad studiert, sehr neugierig ist und nach eigener Aussage "Fairy" heißt. Uns zuliebe nimmt sie sogar den Gesichtsschleier ab, was sicherlich eine große Ehre ist. Um eine Handynummer reicher besichtigen wir das Fort für einige Stunden, was bei seiner Größe leicht fällt. Obwohl wir weder Ahnung noch einen Guide haben, ist die Anlage eindrucksvoll, alleine durch ihre Ausmaße. Das vielleicht beste an ihr ist aber der Blick, den man von dem Gipfel des bebauten Hügels auf Hyderabad hat. Indische Großstädte haben kein Zentrum, zumindest kein ersichtliches. In alle Richtungen erstrecken sich kilometerweit drei- bis fünfgeschossige, hell angestrichene, hässliche Funktionsbauten und die einzigen Hochhäuser gehören nicht etwa zum CBD (so etwas gibt es gar nicht), sondern zu irgendeinem Vorort. Ich frage mich, wie die Inder es trotz ihrer Niedrigbauweise schaffen Weltrekorde in punkto Bevölkerungsdichte in Städten zu halten...
Nach dem Kulturteil zeige ich Socke ein Coffee Day Café, das in keiner Ansiedlung mit über 500 000 Menschen fehlen darf und eine gewisse Kontinuität in dieses vielseitige Land bringt. Auf dem Rückweg wollen wir uns noch eine riesige Moschee anschauen, wofür Socke extra ein Tuch kauft. 600Rs dafür sind vermutlich ein unverschämter Wucher, leider haben wir aber keinen blassen Schimmer von Stoffpreisen und -qualitäten und der Verkäufer hat bei 1500 angefangen, was es mich zumindest subjektiv als Erfolg verbuchen lässt. In die Moschee kommen wir trotzdem nicht, nur auf den Vorhof. Wenn man dessen Zustand betrachtet, kann man allerdings verstehen, warum Besucher im Inneren nicht erwünscht sind. Da es dort nicht allzu viel zu entdecken gibt, sind wir recht schnell wieder unterwegs, zurück zum Bahnhof. Die drei Stunden bis zur Abfahrt verbringen wir bei McDonalds (BigMac mit Hühnchenfleisch, kann nicht gut schmecken, aber da ist dieses Bedürfnis, sich dessen zu versichern) sowie dem vergeblichen Versuch, Internetguthaben bei einem offiziellen Vodafone-Store aufzuladen.
In dem Nachtzug nach Pune hatten wir anfangs eine Waitlistplatzierung, konnten also nicht sicher sein, ob wir überhaupt zusteigen dürfen. Daraus wurde zunächst ein RAC Platz, d.h. man hat einen garantiertes Bett, muss es sich aber möglicherweise teilen (was Schlaf schlichtweg unmöglich macht). Diesen Status behalten wir bis zur Abfahrt und bereiten uns auf eine Nachtfahrt im Sitzen vor, als ein Schaffner (oder Engel, wer weiß) meine Fahrkarte erneut begutachtet und mir mitteilt, dass das angrenzende Bett soeben frei geworden sei. Gute Nacht.

Mal was anderes

148. 28.2.2014

Rückblick auf den Vorabend: Mit dem Nachtbus wollen wir nach Hyderabad fahren. Unsere Koje stellt sich als erstaunlich gemütlich heraus und trotz zeitweiliger Wachphasen finde ich genug Schlaf bis zur Ankunft um 6 Uhr morgens. Per Riksha fahren wir zu einem Hotel, wo wir aber wegen des 24-Stunden Systems nicht sofort einchecken können und so eine erste Entdeckungsrunde durch die Stadt beginnen. Zurück um halb neun lassen wir den Tag ruhig angehen, waschen Kleidung (das ganze Zimmer ist mit trocknenden Shorts bedeckt) und fahren um elf schließlich zum Char Minar, einem Triumphbogen, der vor einigen hundert Jahren Zentrum der Stadt war. Darum drängen sich Moscheen und Märkte. Hyderabad hat ganz eindeutig lange Zeit unter islamischem Einfluss gestanden. Davon zeugen nicht zuletzt die Straßenschilder hier, die neben der Lokalsprache, Hindi und Englisch häufig auch arabische Schriftzeichen zeigen. Wir streifen durch das Gassengewirr und enden zufällig direkt vor einem Stadium, wo gerade ein Cricketmatch auf Lokalebene ausgetragen wird. Wir verstehen zwar nichts, bleiben aber sicherheitshalber mal zwanzig Minuten und freuen uns mit den Indern.
Im Anschluss geht es per Bus zum Hussein Sagar, einem natürlichen See, der die zwei Stadtteile Hyderabad und Secunderabad voneinander trennt. Obwohl sie sich zweifellos Mühe gibt, ist es der Bevölkerung noch nicht gelungen, ihn vollends zu verschmutzen und er wertet die Stadt enorm auf, ein wenig wie die Außenalster in Hamburg. Mit einer Art S-Bahn kann man ihn umrunden und kommt dabei nach Secunderabad. Dort ist das legendäre Paradise Persis Restaurant, dass das für Andhra Pradesh typische Biriyani perfektioniert hat. Das Gericht besteht traditionell aus Reis, Zwiebeln, Joghurtsauce und Hühnchen oder Lamm, sowie natürlich jeder Menge Gewürzen (und markiert für mich das Ende meiner südindischen Fleischabstinenz). Leider hat man vergessen uns zu sagen, dass von einem einfachen Gericht eine Familie satt wird. Unter größter Anstrengung esse ich wenigstens das Fleisch auf, das zugegebenermaßen hervorragend geschmeckt hat. Danach geht es dieselbe Strecke per Zug zurück, klassisch indisch, an der offenen Tür. Beim Widerspiegeln der vielen Lichter im Hussein Sagar vergisst man, wie hässlich indische Großtädte nach europäischen Maßstäben bei Tageslicht sind.

Visualisiert

147. 27.2.2014

Ein weiterer Tag in Hampi, weitere Ruinen, Tempel und mehr Hitze. Heute aber in Bildsprache.