Dienstag, 24. Juni 2014

Longest way home

253. 23./24.06.2014

Bei Nathalie angekommen, muss es schnell gehen. Ich dusche, putze Zähne und packe, schaffe es, Nathalies Mutter trotz fehlender Kommunikationsgrundlage zu erklären, dass ich ein Taxi brauche und bin um halb elf schließlich aufbruchsbereit für den 35-stündigen Heimweg. Da das unverschämt günstige Angebot von Jakarta nach Frankfurt einen 22-stündigen Zwischenhalt in Amsterdam einschließt, habe ich mich dazu entschlossen, von dort einfach den Zug und den Anschlussflug nicht wahrzunehmen. Das ist zwar schneller als in Schiphol zu übernachten, aber dauert immer noch ziemlich lange.
Ich bedanke mich artig bei den Gastgebern der letzten zwei Tage und verabschiede mich von Eva, die noch 10 Tage bleibt (man könnte mal ausrechnen, wie viele davon sie im Stau verbringen wird). Im Gegensatz zu unserem letzten Abschied in Prag im September vorigen Jahres sehen wir uns dieses Mal allerdings nach ein paar Wochen wieder, kaum dramatisch also. Ich bin im Nachhinein erstaunt, wie leicht es mir und meinen Mitreisenden während der letzten Monate gefallen ist, den Großteil unserer Privatssphäre aufzugeben. Mit einem sehr interessierten Taxifahrer (Transfer to? Flight number?) geht es zum Flughafen, zuerst durch das Schrittgeschwindigkeitschaos des Stadtverkehrs, dann mit 120km/h auf einer dieser typischen, prestigeträchtigen Flughafenzufahrtsstraßen, wo Entwicklungsländer gerne mal zeigen, was möglich wäre, wenn sich ihr BIP verzehnfachen würde. Der Check-In ist ein großes Drama und die vielleicht letzte Herausforderung dieser Reise. Zuerst stürzt das Bookingsystem ab, weswegen ich (und viele andere Mitleidende) über eine Stunde anstehen, ohne dass sich nennenswert etwas tun würde. Am Schalter angekommen erkläre ich, dass ich mein Gepäck in Amsterdam auf jeden Fall aufsammeln möchte, da ich dort, wie auf dem Ticket zu sehen ist, einen 22-stündigen Zwischenhalt habe. "Not possible." Also hatte der Holländer, der für KLM in Amsterdam arbeitet, recht. Er hat mir am Mt. Bromo geraten, in Amsterdam zu erzählen, dass ich wichtige Medikamente in meinem Rucksack hätte, dann müssten sie ihn mir geben. Mir wäre es aber viel lieber, die Sache gleich zu regeln. Ich rede noch ein wenig auf die freundliche Dame ein, bis sie schließlich ihren Kollegen holt, der mit dem Gepäckmanager diskutiert, der daraufhin seine Chefin konsultiert, die ihr ok gibt, woraufhin problemlos ein neuer Gepäckaufkleber bis Amsterdam gedruckt wird. Was daran wohl so schwierig war? Meine von diesem Erfolg euphorische Stimmung wird getrübt, weil ich erstens nicht wie gewünscht Fensterplätze bekommen habe (die einzige Art für mich, einen Flug zu genießen) und zweitens alle Läden im Terminal geschlossen sind und ich somit weder mein verbleibendes Geld loswerde (5€, das tauscht in dieser Währung kein Mensch außerhalb Indonesiens), noch etwas zu essen kriege (ich hatte seit dem Frühstück nichts mehr). Ein wenig frustriert boarde ich mit einer indonesischen Rentnertruppe und finde meinen Platz im Flugzeug zwischen zwei dadurch getrennt voneinander sitzenden niederländischen Backpackerinnen. In meiner gutherzigen Art biete ich ihnen an, sie im Tausch für den Fensterplatz nebeneinander sitzen zu lassen. Nach kurzer Diskussion fragt mich eine der beiden in knuffig-naiv-herzerweichender Art, ob ich nicht auch mit dem Gangplatz Vorlieb nehmen würde, sodass sie nebeneinander und am Fenster sitzen können. Ich spiele tatsächlich mit, ärgere mich im Nachhinein aber so sehr darüber, dass ich die Situation ändern will/muss. Ich versuche es mit einer tragisch-naiv-herzerweichenden Geschichte von einem kleinen psychischen Komplex, ähnlich wie Flugangst, nur, dass ich mich durch Augenkontakt zum Erdboden beruhigen kann, deswegen auch die bescheidene Bitte um den Fensterplatz. Keine Ahnung, ob es so etwas gibt, die beiden nehmen es mir jedenfalls ab. Sie sind eigentlich auch ganz nett, bleiben aber lieber unter sich (was mich gerade nicht sonderlich stört). Ein letztes Mal sehe ich Jakarta in all seiner Imposanz, dann kommt die Dunkelheit - Meer. Ein Sandwich kriege ich noch, dann schlafe ich fast durch, unterbrochen von dem Überflug Südindiens, wo ich ein letztes Mal ein Blick auf den Subkontinent werfen kann, wenn auch nur aus 10 000 Metern Höhe.
Ich wache im Morgengrauen auf, das sich allerdings stundenlang hinzieht, weil wir mit der Sonne fliegen. Um fünf Uhr, eineinhalb Stunden vor Ankunft, gibt es Frühstück. An dieser Stelle muss ich Etihad bewerben. In der Economy Class hat man die Wahl zwischen drei Gerichten, die Sitze sind ausgestattet mit USB-Buchsen und Steckdosen (Bordentertainment sowieso) und dass ich mit 1,85m am Fensterplatz problemlos schlafen konnte, spricht für sich. Um halb sieben kommen wir an Abu Dhabis Flughafen an, der gerade neu gebaut wird, wie so ziemlich alles in den Emiraten permanent neu und größer gebaut wird. Aus der Luft sieht man einen Flickenteppich aus Sanddünen, riesigen Industrieanlagen (Ölfeldern) und supermoderner Infrastruktur in einer absolut lebensfeindlichen Umgebung. Knapp zwei Stunden habe ich am Terminal bis zum Anschlussflug nach Amsterdam. Ich weiß auch nicht, wie die Buchungssysteme der Airlines funktionieren, jedenfalls ist es 150€ billiger, über diesen zweiten Zwischenstopp nach Frankfurt zu fliegen als direkt von Abu Dhabi aus zu fliegen.
Auch bei diesem Flug schaffe ich es, einen Fensterplatz zu ergattern, schlichtweg, weil er nicht ausgebucht ist. Das Mittagessen enttäuscht leider, dafür fällt mir hier die Filmauswahl bei Etihad auf. Beim Anschauen von "Dallas Buyers Club" wird mir bewusst, wie viele gute Filme ich verpasst haben muss, es gibt einiges nachzuholen. Ansonsten schlafe, schreibe oder höre ich mich durch die vergangenen neun Monate. Mein Gehirn neigt dazu, Erlebnisse sehr exakt an die Lieder zu koppeln, die mir zu dem Zeitpunkt des Erlebens besonders gefallen haben. Sobald ich das Lied höre, kommen Erinnerungen auf und sobald ich mich an etwas erinnere, taucht die dazugehörige Musik in meinem Kopf auf.
Wir fliegen über Bagdad und die Brigaden der ISIS, die unter uns Schiiten für ihre falsche Art an Allah zu glauben abschlachten, über die Einöde Anatoliens und das schwarze Meer. Am anderen Ufer beginnt Europa, genau so, wie man es sich vorstellt. Geometrisch perfekte Felder, umgeben von Waldstücken, durchsetzt mit Dörfern und kleinen Städten. An meinen geografischen Kenntnissen hat sich in den letzten neun Monaten nicht viel geändert, trotzdem ist Europa für mich kleiner geworden. Gegen die Erbarmungslosigkeit von Städten wie Mumbai, Jakarta oder Nairobi wo das Fünf-Sterne Hotel an den Slum angrenzt, wo man sich wirklich durchboxen muss, wo niemand den Schwachen hilft und die Starken maßregelt, fällt mir für Europa, zumindest Kerneuropa, nur der Begriff niedlich ein. Mir gefällt beides und gerade die asiatischen Metropolen versprühen eine Energie und Fortschrittsgläubigkeit, die der Wohlstand in Europa oft abschwächt oder erstickt, aber wie Eva gesagt hat: "Lieber in Europa leben und Welt erkunden als andersrum."
Eine solche Reise macht einen zwangsläufig zum Europäer. Ob Holländer, Franzosen, Briten oder Schweden, der einzige Unterschied bestand immer in der Sprache. Die Denkweise war dieselbe, was umso krasser hervortrat, da man den direkten Vergleich zu Menschen hatte, die eine wirklich andere kulturelle Prägung erfahren haben.
Man sieht, viele Gedanken gehen einem nach neun Monaten Abwesenheit auf dem Weg in die Heimat durch den Kopf. Um 15 Uhr lokaler Zeit, 20 Uhr in Jakarta, landet das Flugzeug am Flughafen Schiphol. Ein tolles Gefühl, sich bei der Passkontrolle in der kurzen Schlange der EU-Bürger einreihen zu können. Ein Blick auf den Pass, in mein Gesicht, ein "Welcome" und bin offiziell wieder in Europa. An der Gepäckausgabe unterhalte ich mich beim Hoffen auf meinen Rucksack mit einer Holländerin, die ich schon in Jakarta am Check-In gesehen hatte. Sie hat soeben ein fünfmonatiges Praktikum dort absolviert, befindet sich also in einer ähnlichen Situation. Meine letzten Sorgen werden zerstreut, als ich meinen Rucksack auf dem Gepäckband auftauchen sehe. Keine halbe Stunde nach der Landung kommen wir in den Arrivals Bereich, wo bereits die Familie der Holländerin (was sind schon Namen?) wartet und in Jubel ausbricht. Das Erste, was ich mache, ist vor die Tür zu treten und bewusst einzuatmen. Das letzte Mal war ich am Terminal in Jakarta unter freiem Himmel, dagegen ist es hier frostig. Gleichzeitig ist die Luft so frisch und klar wie zuletzt im Himalaya. Nicht einmal einen Hauch von Abgasen kann ich riechen (sicherlich ist mein Sinn dafür auch etwas abgestumpft). Nächste Überraschung bei der Suche nach etwas zu trinken: Wasser kostet genauso viel wie Bier. Da beides teuer ist, verschiebe ich Trinken auf später und warte am Gleis 40 Minuten auf meinen Zug, praktischerweise mit gratis WLAN. Als wäre ich wieder Kind, bringen mich alltäglichste Dinge zum Staunen, zum Beispiel das geräusch- und ruckelfreie Fahren in den elektrisch betriebenen Zügen oder dass öffentliche Verkehrsmittel Abfahrtszeiten haben, an die sie sich meistens sogar halten. Meine letzte Erfahrung war eine abgasgeschwängertes im Stau stehen in einem rostigen Minibus. Selbst das Gefühl, wieder einer unter vielen und nicht der auffällige Weiße zu sein, gefällt mir. Nach einer halben Stunde steige ich in einen deutschen IC um, der in vier Stunden bis nach Hannover durchfährt. Die Grenze ist wegen des verkappten WM-Patriotismus leicht auszumachen (Flagge zeigen!), absolute Sicherheit nun in Deutschland zu sein erlange ich, als die Passagiere eine Viertelstunde vor Erreichen der Endstation bereits an den Zugtüren anstehen, als würden diese nur zehn Sekunden öffnen. In Hannover habe ich eine Stunde, in der ich mir das meiner Meinung nach typischste deutsche Essen hole: Döner. Ich setze mich an einen der auf der Straße neben dem Imbiss aufgebauten Tische und beobachte die Umgebung. Die Menschen kommen mir wesentlich zufriedener vor als in den Ländern, in denen ich war, von wegen mürrische Deutsche. Außerdem sind sie viel individueller. Darüber hinaus merke ich vor allem, dass es Ewigkeiten hell bleibt (17:30 in Jakarta, 22:00 in Hannover) und dass es ungewohnt kalt wird, trotz Sommer. Um zehn bin ich wieder am Bahnhof. Die deutsche Bahn wird ihrem Ruf gerecht, 50 Minuten Verspätung, wegen "Verzögerungen im Betriebsablauf". Also Verspätung wegen einer Verspätung. So viel kohärenter Schlüssigkeit habe ich nichts entgegenzusetzen, zumal ich in Nürnberg sowieso einen Zeitpuffer von über zwei Stunden bis zum ersten Regio nach Bayreuth habe. Und zumindest ihr selbst gesetztes Verspätungsintervall halten sie ein. Der Zug nach Nürnberg ist eigentlich ein internationaler Nachtzug bis Wien Westbahnhof, aber die deutsche Bahn hat einen Waggon zwischengekoppelt, der nur bis Nürnberg, dafür aufpreislos fährt. Es handelt sich dabei um ein ausgemustertes Erstklassabteil. So kommt es, dass ich in einer luxuriös gepolsterten Sechs-Mann-Kabine mit justierbarer Heizung (es ist ja echt arschkalt nachts, war das bei uns im Juni schon immer so?) nächtige. Später gesellt sich ein - wer hätte das gedacht - junger Inder aus Jaipur zu mir, der zur Zeit ein Praktikum in Wien macht und in seiner Freizeit Deutschland bereist. Mit stabilen 55 Minuten Verspätung erreichen wir Nürnberg viertel nach vier Uhr morgens, eineinhalb Stunden vor dem ersten Regio also. Ich besorge mir ein provisorisches Frühstück und versuche zu schreiben, werde aber andauernd von den mich umgebenden Gesprächen abgelenkt. Es ist wirklich ungewohnt, wieder Deutsch in allen Lebenslagen zu hören und zu sprechen (wobei ich es immerhin schon in den ersten 18 Stunden hier schaffe, drei Leute zu finden, die besser Englisch sprechen) und bei den kurzen Gesprächen mit Verkäufern merke ich, dass mir manche alltägliche Floskeln nicht mehr sofort auf der Zunge liegen. Um 5:44 Uhr schließlich fährt der gute alte Regionalexpress ohne Elektrifizierung nach Bayreuth. Ich denke, das ist ein guter Zeitpunkt, aufzuhören. Zum einen glaube ich nicht, dass während einer einstündigen Zugfahrt durch Nordbayern viele aufregende Dinge passieren werden, zum anderen habe ich in diesem Eintrag schon genug über mein Innenleben geschrieben, es soll schließlich ein Reiseblog und keine persönliche Therapiesitzung sein. Mental verarbeitet ist diese Reise noch lange nicht, aber technisch gesehen war es das.
Vorerst, Pläne gibt es genug.

Tschüss

Sonntag, 22. Juni 2014

Über den Dingen

252. 22.6.2014

Erstaunlicherweise sind wir bereits um halb elf wieder auf den Beinen. Trotzdem gehen wir den heutigen Tag in einem etwas unaufgeregteren Stil an. Bis wir gefrühstückt haben und vor allem ins Zentrum gefahren sind, vergeht genug Zeit um sich sogleich in einem so stylishen wie teuren Café niederzulassen und etwas an unseren Blogs zu feilen. Ehe wir uns versehen, ist es viertel fünf und damit höchste Zeit, Skye einen Besuch abzustatten, bevor die Sonne untergeht. Natürlich kann ich (mittlerweile wir, damit habe ich Eva angesteckt) eine Stadt wie Jakarta nicht verlassen, ohne in der höchsten Skybar gewesen zu sein. Immerhin 56 Stockwerke und über 200 Meter über dem Erdboden sitzt man auf einer Terasse (wenn es gerade keinen tropischen Regenschauer gibt) und genießt teure Drinks. Die Ausmaße der Stadt lassen sich selbst von hier nur erahnen, aber alleine die umgebende Skyline übersteigt alles, was ich in Indien gesehen habe und in einem Entwicklungsland für möglich gehalten hätte. Eva bleibt nüchtern und versucht zwei Mocktails, ich nehme einen Signature Drink, der schmeckt wie zerkleinerter Apfelkuchen mit ordentlich Schuss. Zwei Stunden genießen wir die Aussicht und die Musik (und fragen uns dabei, wieso die beste Musik immer in Bars oder Lounges anstatt von Clubs läuft), dann stellt uns eine Indonesierin (auf Englisch!) einen deutschen Zauberer vor, der mit seinen Taschenspielertricks meiner Meinung nach besser auf einem Volksfest oder Kindergeburtstag aufgehoben wäre. Aber vielleicht hat Zauberei hier einfach einen höheren Stellenwert als bei uns. Wir müssen so oder so los, denn bis wir zu Hause sind, vergehen in der abendlichen Rush Hour weitere zwei Stunden.


Großstadtgefühle

251. 21.6.2014

Jeder Touristenführer empfiehlt, Jakarta zu umgehen. Verkehrschaos, die schiere Größe, der Mangel an Sehenswürdigkeiten. Einen entspannten Strandurlaub auf Bali will man so weder beginnen, noch beenden. Genau das reizt uns. Wir haben festgestellt, dass wir beide ein ausgeprägtes Faible für touristisch vernachlässigte Großstädte haben. Das sich-orientieren, das pulsierende Leben, das Kulturangebot, irgendwie alles interessanter als ein Tempel in dem 1272 Buddhas großer Zeh erschienen sein soll (beispielhaft für so viele der Empfehlungen). Nicht zuletzt auch die Herausforderung, von A nach B zu kommen, wenn möglich, taxilos. Alleine die Länge der Einträge (zum Beispiel Singapur vs. Sulawesi) bezeugt, wo wir mehr erleben und zu erzählen haben. Nach einem routiniert selbstgemachten Frühstück (Kaffee, Cornflakes, Früchte, Milch) verbringen wir erst einmal zwei Stunden in Bussen auf dem Weg zur National Gallery. In Jakarta kann man unterscheiden zwischen den Speedbussen mit eigenen Fahrspuren, die ziemlich langsam sind, und den normalen Straßenbussen, deren Geschwindigkeit meist unter der menschlichen Wahrnehmungsschwelle liegt. Zweitere sind außerdem nicht klimatisiert, was eine Fahrt zu einem Erlebnis für Schweißdrüsen und Lungenflügel macht. Dafür steigen alle zwanzig Minuten mehr oder minder begabte Straßenmusikanten, oft Kinder, zu und geben eine Performance zum Besten. Auf lange Sicht würde ich in diesem Verkehr durchdrehen.
Die Gallerie ist bis auf eine kleine Ausstellung, die aussieht wie eine Slideshow für einen LSD Trip, geschlossen, dafür befindet sich gleich daneben das Nationaldenkmal, ein triumphaler Obelisk mit Fackel oben drauf, etwas vulgär, aber eindrucksvoll. Mit der irgendwie auch vorhandenen, aber kaum flächendeckenden Metro kommen wir weiter nach Kota, der Altstadt Jakartas (das heute übrigens 487 Jahre alt wird, weswegen der öffentliche Nahverkehr gratis ist), wo sich das Nationalbankmuseum befindet, das angeblich auf anschauliche Weise die Geschichte Indonesiens in wirtschaftlichen Zusammenhängen darstellt. In der Praxis ist es nur für mich interessant und wenn die unterschiedlichen Systeme der Papiergeldausgabe zwischen 1949 und heute diskutiert werden, dann geht mir das auch etwas zu sehr ins Detail. Zur Belohnung für Eva für so viel durchstandene Volkswirtschatslehre nehmen wir danach die Metro zur art 1 Gallerie, die sich in einem supermodernen Gebäude (eine kreative Interpretation eines Autohauses) in einem eindeutig ärmeren Viertel niedergelassen hat. Eintritt ist frei, gezeigt wird nur eine umfassende Ausstellung eines indonesischen Künstlers, die wir zwar nicht ansatzweise verstehen, aber trotzdem mögen. Seine naiven Darstellungen von übermenschlichen Wesen oder Prominenten spielen häufig auf Politik und Gesellschaft an, aber selten in einem universalen, sondern eher in einem indonesischen Zusammenhang. Die Abstrusität und Satire fällt einem aber auch ohne weitere Kentnisse ins Auge. Im Anschluss trinken wir einen Kaffee und versuchen als nächstes, unser für das Abendessen vorgesehene Restaurant mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen, was wieder einmal langsam, aber zuverlässig funktioniert. Zum Ende hin sollte es doch mal etwas besonderes sein, und so haben wir das Internet nach Restaurants mit feiner indonesischer Küche durchstöbert, mit dem Ergebnis, dass sich beides nicht vereinbaren lässt. Teure Restaurants servieren entweder international, oder einem Expatpublikum pseudoindonesische Küche. Traditionelle Gerichte sind herzhaft und sättigend und bisher scheinen die Indonesier sie auch genau so zu mögen und sehen dementsprechend keinen Sinn darin, sie für den fünffachen Preis neu zu kreieren. Pengkap 33 ist da noch das luxuriöseste unter den bei Einheimischen beliebten Restaurants. Das Essen schmeckt eigentlich genau wie auf der Straße, nur kostet es mehr. Alles in allem war die indonesische Küche eher durchschittlich, kaum schlechtes Essen, aber auch kein Naan, kein Paneer, nichts, was mich wirklich umgehauen hat.
Da wir nun schon einmal so nahe am Meer in Pluit im Norden Jakartas sind, lassen wir es auf einen Versuch ankommen und laufen in Richtung Küste. Doch schon auf halbem Weg werden wir von einer Shoppingmall an einem Kanal aufgehalten. Die Lage böte sich für ein oder zwei Bier gut an, aber wir sind nicht ganz zufrieden zu stellen. Der Supermarkt ist zu teuer, die Restaurants sowieso und außerdem kann man sich nirgendwo hinsetzen. Wir beschließen, gleich nach Kota, das Zentrum des Nachtlebens, zurückzufahren und unser Glück dort zu versuchen. Letzten Endes machen wir es wie die Locals, kaufen drei Bier im 7/11 und setzen uns damit vor den Supermarkt. Der Club gegenüber hat heute geschlossen, deswegen suchen wir gegen Mitternacht Mille's auf, einen kleinen Nachtclub, angeblich dunkel und schäbig. Nach langer Suche  atmen wir erst einmal auf, als wir die Musik hören. Gut, es ist nicht gerade Deephouse, aber immerhin schon mal kein Funky Kota, wie die trommelfelltraumatisierende Szenemusik genannt wird (schrille Teletubbie Synthesizer auf 08/15 Beats). Wir sind die zwei einzigen Weißen, das Publikum besteht aus Kiddies, aufgeputzten Typen mit Sonnenbrille und Frauen in Miniröcken und einigen älteren Männern, die ihre Gespielinnen gönnerhaft ausführen. Dunkel ist der Club durchaus, aber in etwa so schäbig wie ein Opernhaus. Mich würde interessieren, wie demnach schicke Clubs in Jakarta aussehen. Trotz all dieser Umstände bleiben wir zwei Stunden und schaffen es dabei sogar, Spaß zu haben. Auf einer Leinwand neben der Tanzfläche wird die WM übertragen (die Besitzer sind ganz offensichtlich Deutschlandfans, die anmietbaren Karaokeräume tragen Namen wie Bochum, Bayern München und Mönchengladbach). So bekommen wir den Anstoß Deutschland - Ghana um zwei Uhr mit. Wenigstens die zweite Hälfte wollen wir in netterem Ambiente sehen, namentlich im Treehouse, einer hippen Bar, dummerweise im Süden Jakartas, 16km entfernt. Aber bei Taxipreisen von 25ct/Kilometer ist das auch keine Katastrophe. Eher schon, dass auf Google Maps, Trip Advisor und Facebook um Kilometer variierende Angaben über die Lage der Bar kursieren. Nach fast einer Stunde Suche geben wir auf. In einer Wohnung tragen knapp ein Dutzend junger Indonesier ein PS3 Pro Evolution Soccer Turnier aus und lassen dabei die Liveübertragung laufen. Wir gesellen uns dazu, haben stockende Konversationen in Englisch und schauen die sogar für Fußballverachter wie mich spannenden letzten 15 Minuten des Spiels. Danach laufen wir 2km zur Haupstraße, fahren eine Stunde Bus, laufen weitere 3km und sind um halb sechs schließlich zurück bei Nathalie, deren Mutter bereits wach ist und uns aufmacht.

Much big! Very wow!

250. 20.6.2014

Kurze Klopause und ein Frühstück bestehend aus Schokomilch und Eis, schon sitzen wir im nächsten Bus. Quälend langsam stottern wir über verstopfte Hauptstraßen mit dem frustrierenden Gefühl, selbst laufend schneller gewesen zu sein. Die Situation bessert sich schlagartig, als wir etwa 80km vor Jakarta auf ein Mautstraße kommen. Dreispurig, nach außen abgeriegelt und mit Ein- und Ausfahrten steht sie einer Autobahn in nichts nach, nur fahren alle etwas langsamer. Aber auch 70km/h kommen uns momentan wie fliegen vor.
Jakarta ist gigantisch, die Agglomeration erstreckt sich über vierzig oder fünfzig Kilometer und ein erkennbares Zentrum gibt es nicht. Vor allem aber staunen wir über die Modernität und den Wohlstand. Ohne Verkehrschaos und die gelegentlichen Slumsiedlungen würde das Stadtbild auch in die USA passen. Breite Straßen, hohe Skyline, flächige Bauweise. So ist zumindest unser erster Eindruck. Als wir mit dem Taxi zu Vollas Haus fahren (eine Geschichte für sich), wird dieser allerdings erschüttert. Eben noch sind wir auf einer erhöhten Avenue an Wolkenkratzern vorbeigefahren, jetzt stehen wir auf einer verstopften, kleinen Straße mit Dorfatmosphäre im Stau. Im wirklich hintersten Winkel des Viertels wohnen Volla (die wir aus Singapur kennen) und ihre Mutter. Da erstere aber zur Zeit ihr Leben auf Bali genießt, holt uns ihre Schwester Natalie ab und gibt uns eine erste Einweisung zu Jakarta. Nachdem unser Zimmer bezogen ist, fahren wir mit dem Minibus in eines der vielen Stadtzentren (Dauer je nach Verkehrslage zwischen ein und zwei Stunden) und essen dort mit ihr in einer Imbissbude typisch indonesisch zu Abend. Auf dem selben Weg fahren wir zurück und versuchen zumindest, ins Bett zu gehen, in der Gewissheit, dass Schlaf in den nächsten Tagen ein knappes Gut sein wird. Mit mäßigem Erfolg.

Freitag, 20. Juni 2014

700 Kilometer Stop-and-Go

249. 19.6.2014

Um viertel vier klingelt der Wecker. Als wir vor die Tür kommen, hat sich der Großteil unserer Gruppe bereits zusammengefunden. Knapp eine Stunde wandern wir ohne viel zu reden zu einem Aussichtspunkt, von wo aus einige noch weitergehen/-klettern. Eva und ich finden ein paar hundert Meter weiter oben ein ziemlich verlassenes Plätzchen mit toller Sicht sowohl auf den sich langsam erhellenden Himmel zur Linken, als auch den noch im Dunklen dampfenden Mount Bromo zur Rechten. "Überirdisch schön" oder "hier zeigt uns Mutter Natur, wie klein wir doch sind" sind zwar pathetische Übertreibungen, doch das farblich variierende Morgenlicht in Kombination mit dem Wolkenmeer unter uns und der Mondlandschaft war die Mühen allemal wert. Um halb sechs (die Sonne geht hier sehr früh auf) steigen wir den Berg wieder hinab und mit kurzer Pause im Dorf auch noch den Krater, in dessen Mitte sich der gar nicht so große Bergkegel des Vulkans erhebt (meistens sehen wir ihn aufgrund des Nebels allerdings nicht). An den Rand dieses Kraters im Krater führt eine vor Menschen überquellende Treppe. Mount Bromo selbst ist dann auch nicht halb so interessant wie die ihn umgebende Landschaft. Schwarzer Sand, Asche und ein Minimum an Vegetation formen mit der trostlosen Topographie eine unwirkliche Szenerie, wie geschaffen für Dystopien oder Horrorfilme.
Um dreiviertel neun sind wir zurück in der Unterkunft, duschen, essen und putzen Zähne im Akkord, sodass wir frühestmöglich einen Minibus zurück nach Probolingo erwischen, wo um 11:30 oder 12:30 Uhr ein Langstreckenbus nach Cirebon fährt. Von dort haben wir schließlich Anschluss nach Jakarta und sollten dort im Idealfall binnen 24 Stunden angekommen sein. Im Minibus sind dieses Mal gar keine Einheimischen und mehr Platz, weil wir (zehn Holländer, Franzosen und Engländer) aus Zeitmangel die verbleibenden fünf Plätze aufgekauft haben. Um ziemlich genau 11:30 Uhr kommen wir am Terminal an, nach Cirebon ist aber kein Bus in Sicht. Wir warten, kaufen Obst, trinken Schokomilch, wimmeln aufdringliche Ticketagenten ab und gegen viertel nach zwölf taucht der versprochene Bus auf. Mit fünf Sitzen pro Reihe nicht der komfortabelste, hat er immerhin AC, was bei den Tagestemperaruren an der Küste Javas überlebenswichtig ist. Stunde um Stunde fahren wir über die quasi lückenlos bebaute Insel. Das Frustrierende an Busfahrten hier ist nicht der Zustand der Straßen (meistens sehr gut), sondern Stau. Jede Kleinstadt empfängt einen mit einer Stunde Stillstand auf ihrer Hauptverkehrsachse. Ich dachte, ich wäre gegenüber vergeudeter Zeit mittlerweile abgestumpft, aber die hiesigen Verhältnisse schlagen alles bisher Dagewesene.
Wir fahren die Nacht durch, finden sogar etwas Schlaf (wie ist uns selbst ein Rätsel), und kommen um halb neun Uhr morgens am Folgetag in Cirebon an, nach 19 Stunden Busfahrt und schlappe sechs Stunden vor Jakarta.

Klimawandel

248. 18.6.2014

Während Eva den verpassten Schlaf der letzten Tage nachholt, antworte ich auf Geburtstagsglückwünsche und freue mich bei den bereits um acht Uhr herrschenden Temperaturen auf deutsches Klima. Das Frühstück ist heute indonesisch, gebratener Reis mit Ei, etwas anderes gibt es in der näheren Umgebung nicht. Der Hotelbesitzer, kaum erschöpft vom nächtlichen WM-Public Viewing (Zeitverschiebung zu Brasilien ist -9 Stunden), erarbeitet mit uns die Route nach Jakarta, inklusive aller Abfahrtszeiten und Preise. Probolingos Busbahnbof hat den Ruf, der betrügerischste in ganz Indonesien zu sein, umso dankbarer sind wir für seine Hilfe. Doch heute wollen wir erst einmal nach Cemoro Lawang, einem Dorf am Rand der Caldera des Mount Bromo. Dieser Vulkan ist wegen seiner surrealen Landschaft eine der Hauptsehenswürsigkeiten Javas und leider auch die einzige abseits von Jakarta, die ich zu Gesicht kriegen werde. Mit einem Minibus fahren wir nach drei Stunden Wartezeit (Abfahrt erst wenn voll) mit ganzen zwei Einheimischen und elf weiteren Touristen steil bergauf. Oben angekommen, ist es tatsächlich frisch geworden. Wir sind auf etwa 2200m Höhe, vom Krater sind allerdings nur Ausschnitte sichtbar, weil eine Wolkendecke die Berglandschaft umgibt. So verbringen wir den Nachmittag hauptsächlich im einzigen Café des Dorfes, das diese Bezeichnung verdient. Zum Abendessen treffen wir uns mit einigen Niederländern, Franzosen und einem Briten, die genau wie wir am nächsten Tag den Sonnenaufgang von einem benachbarten Gipfel des Mount Bromo sehen wollen. Danach können die meisten von uns schlafen, nur die Niederländer fühlen sich dazu verpflichtet, ihrem Team bei der WM zuzusehen (nicht so umwerfend, wie man hört).

Geburtstagsbusfahrt

247. 17.6.2014

Bananenpancakes, Ananas, Kiwi, Vanillekipferl (die gibt es hier!), Schokomilch und ein Cupcake, dazu eine Auswahl der indonesischen Lays Chips Fabrikate (ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, mich in den verschiedenen Ländern durch das Chipssegment zu probieren). Ich sollte an meinem Geburtstag öfter mit Eva frühstücken.
Nach sechs Tagen fällt es uns richtig schwer zu gehen. Viel lieber würden wir noch bleiben und nach Jakarta fliegen. Andererseits reizen uns die beschwerlichen Busfahrten auch. Ein letztes Mal richtig backpacken. Zum Busbahnhof kommen wir wegen des miserablen öffentlichen Verkehrs in Denpasar nicht um ein Taxi herum. Der Bus nach Probolingo ist schnell gefunden, braucht aber geschlagene zwei Stunden, bis er sich vom Fleck bewegt. Wir haben die letzten Plätze ergattern können, die ganz hinten in einem abgetrennten Bereich liegen. Später merken wir, dass dieser Bereich zum Rauchen dient. Eva schafft es mit aller gebotenen Autorität allerdings, den Leuten auch hier das Rauchen zu verbieten. Mir wäre der Gestank noch lieber als die fröhlich quietschende Synthiefoltermusik aus den Boxen. Nach dreimaligem Bitten mit steigendem Nachdruck erbarmt sich der Busfahrer und dreht die Lautstärke auf ein erträgliches Niveau hinunter. Die Fahrt durch Bali verschlafen wir beinahe komplett, ich wache an der Anlegestelle der Fährverbindung nach Java auf. Das Meer ist hier höchstens sechs Kilometer breit, mit der klapprigen Autofähre brauchen wir aber auch dafür über eine Stunde. Auf Java fahren wir noch vier oder fünf Stunden weiter, bis wir zum Abendessen anhalten und positiv überrascht werden: Jeder bekommt einen Gutschein, mit dem er sich an dem All-you-can-eat Buffet des Restaurants umsonst bedienen kann. Das Essen ist dabei für Straßenrestaurantverhältnisse sehr vielfältig und gut. Gesättigt fahren wir noch eine weitere Stunde bis Probolingo, dass wir gegen sieben Uhr im Stockdunklen erreichen. Es gibt keine Taxis und keiner der Motorradfahrer kennt unser Hotel. Nach langem hin und her schaffen wir es mithilfe von Google Maps, dessen Standort zu erklären und werden mitgenommen. Kein Wunder, dass der Name niemandem etwas gesagt hat, das Hotel liegt fünf Kilometer außerhalb. Dafür spricht der nach zwanzig Minuten auftauchende Besitzer gut Englisch und kennt sich bestens mit der Umgebung und Busverbindungen aus. Nach einem Eis sind wir zufrieden genug, um einschlafen zu können, alles weitere wird auf den nächsten Tag verschoben.

Dienstag, 17. Juni 2014

Ausklang

246. 16.6.2014

Wenigstens einmal wollen wir angesichts des Angebots um uns herum frühstücken gehen. Unsere Wahl fällt auf ein hippes Café mit mehr Apple Geräten als Menschen darin. Der Kaffee ist hervorragend, die Pancakes sehen zumindest hervorragend aus. Mittags fahren wir nach Kota, ein letztes Mal surfen für mich. Anstatt des drei Meter Monsterbrettes für blutige Anfänger bekomme ich heute ein schmaleres, 2,50m langes. Damit ist man schneller und beweglicher, aber es wesentlich schwerer auszubalancieren. Mein größtes Problem ist allerdings der Duck Dive, also das unter einer Welle hinwegtauchen, ohne dass man beim Rauspaddeln ständig zurückschwemmt wird. Zum Abschluss gelingt es mir dafür, eine Welle bis zum Ufer mitzunehmen, was versöhnlich stimmt.
Weiter geht es zum Immigration Office, wo unsere Visa tatsächlich und umstandslos bis zum 18. Juli verlängert wurden. Darauf essen wir erst einmal zwei Eisbecher bei Cold Stone (ich hätte wahrscheinlich täglich einen genommen, hätte Eva mich nicht davon abhalten). Über den Carrefour Hypermarket, wo Eva dubiose Erledigungen zu machen hat, fahren wir zurück nach Canggu und direkt weiter zum Strand, um nochmal im Sonnenuntergang joggen zu können. Danach gehen wir ein letztes Mal ins Wasser, heute ohne wichtige Gegenstände zu verlieren und fahren wieder nach Hause. Nachdem ich geduscht habe und Eva eineinhalb Stunden einkaufen war, weil sich ein Polizist auf ihrem Weg länger mit ihr unterhalten wollte, fahren wir wieder an den Strand, einen anderen allerdings, und essen in bester Lage. Um zehn sind wir zu Hause, zwei Stunden später überascht Eva mich mit Geburtstagskuchen, -kerze und Schokomilch. Im äußerst kleinen Kreis "feiern" wir noch eine halbe Stunde, dann herrscht Bettruhe, immerhin steht uns morgen eine lange Busfahrt bevor.

Montag, 16. Juni 2014

Eingelebt

245. 15.6.2014

Vormittags haben wir mittlerweile einen Rhythmus gefunden. Eva geht schwimmen, wir machen uns Frühstück und lesen/schreiben/bloggen bis elf oder zwölf. Heute fahren wir daraufhin wieder nach Kota. Auch wenn meine ersten zwei Surfstunden keine Erleuchtung waren, den Ehrgeiz weiter zu machen habe ich noch. Für eine Stunde leihe ich mir ein Brett und siehe da, surfen kann richtig Spaß machen. Die bereits gebrochenen Gischtwellen sind überhaupt kein Problem mehr und zum ersten Mal stehe ich auch kleinere Wellen beim Brechen. Schade, dass die Anfängerboards praktisch kein Navigieren zulassen (durch ihre Ausmaße liegen sie zwar sehr ruhig im Wasser, sind dafür aber so agil wie Steine). Fest steht, dass ich mir die letzte Chance zum Üben morgen nicht entgehen lassen kann. Eva, die personifizierte Geduld, sonnt sich währenddessen am Strand. Zusammen springen wir noch einmal ins Wasser, bevor wir nach Süden fahren. Da die herkömmlichen Reiseführerempfehlungen für die Gegend um Denpasar nicht sonderlich interessant klingen/sind, haben wir uns einfach einen Punkt auf der Karte herausgesucht, den wir gerne sehen würden. Dieser Punkt ist die Südwestsspitze Balis, wo ein hinduistischer Tempel am Rand der zum Meer abfallenden Klippen das Ende des Festlands markiert. Mehr als der Meeresstrom macht der Anlage aber der Touristenstrom zu schaffen. Wir können uns nicht vorstellen, dass inmitten australischer Familien und chinesischer Fotogruppen so etwas wie Atmosphäre aufkommen könnte und fahren lieber noch ein Stück weiter entlang der Küstenstraße. Schließlich finden wir einen schönen, einsamen Aussichtspunkt über das Meer, von dem aus man außerdem die vielen Surfer 60m unter sich beobachten kann. Der nahe gelegene Ulu Watu Beach ist der berühmteste Surfspot Balis, überall im Ozean verstreut finden sich kleine Punkte in Neoprenanzugfarben. Genau zu diesem Strand gelangen wir später auch zufällig, weil Eva noch einmal ins Wasser möchte (unter anderem, weil sie sich die - über den Daumen gepeilt - zehnte Verletzung an ihren Beinen in den letzten vier Wochen zugezogen hat und die Wunde ausspülen will), was wegen der scharfen Kanten des Korallenriffs am Ufer allerdings nicht gelingt. Um den Strand herum wurde eine Après-Surf Kultur in Beton gegossen. In den Bars, alle mit Meerblickterasse, läuft aber zumindest gute Musik, was die ganze Angelegenheit weniger peinlich als in Skihütten macht. Als verantwortungsbewusste Fahrer nehmen wir einen alkoholfreien Sundowner und machen uns auf den Heimweg, unterbrochen von einem Stopp beim Supermarkt und einem Milchshake. Zurück im Hostel wird mal wieder gekocht, nachdem noch einiges vom vorherigen Abend übrig geblieben ist, heute vegetarische Burger mit Salat. In der Zeit haben wir uns leicht vertan und so ist es zehn bis das Essen fertig ist und bereits elf, als wir gesättigt ins Zimmer gehen.

Samstag, 14. Juni 2014

Abwechslung

244. 14.6.2014

Zur Abwechslung von Strand und Meer fahren wir heute nach Ubud in Zentralbali. Der kleine, wohlhabende Ort ist mit dem Tourismusboom zum Shoppingzentrum der Insel geworden. Souvenirs reihen sich an Kleider und Taschen, Spas und Restaurants. Dazwischen finden sich aber auch immer wieder wunderschöne hinduistische Tempel. Nach eineinhalb Stunden bin ich überzeugt, genug organische Sonstwas-Läden gesehen zu haben und verziehe mich mit kindle und Kaffee, während Eva weiter durch die Stadt schlendert. Der Touristenstrom hier ist stark asiatisch geprägt, mindestens die Hälfte der Besucher in Ubud sind Chinesen. Mögen sie in ihrem eigenem Land noch so arrogant und unzivilisiert sein (Erfahrung einiger Reisender, vor allem im Norden), Chinesen auf Reisen verhalten sich so unbeholfen und tapsig, dass es süß ist. Eine Frau um die dreißig betritt das Café, in dem ich lese, guckt sich mit einem Blick um, als hätte sie noch nie vergleichbares gesehen, tritt mit unsicherer Entschlossenheit (paradox, ich weiß) dem Personal gegenüber und zeigt auf eine Kokosnuss: "I want this drink." Sichtlich glücklich darüber, dass ihre Bestellung auf Englisch funktioniert hat, lässt sie sich nieder und tippt zufrieden auf ihrem Smartphone.
Nach einer Stunde hat Voltaire meine intelektuellen Kapazitäten ausgelastet und ich treffe mich wieder mit Eva zum Abendessen. Danach brechen wir auch schon nach Hause auf, was immerhin eine Stunde in Anspruch nimmt.


(Das wars.)

Freitag, 13. Juni 2014

Wellenreiten

243. 13.6.2014

Gar nicht so leicht mit dem Surfen. Das Problem ist nicht, dass ich es nicht kann, sondern dass ich gar nicht dazu komme, es zu versuchen. Nachdem wir in Erfahrung gebracht haben, dass der Strand um Canggu "reef breaks" hat (sprich man landet nicht auf Sand, sondern Korallen), müssen wir doch bis nach Kota fahren, um einen anfängerfreundlichen Abschnitt zu finden. Günstig ist es zu Beginn auch nicht, knapp 25€ zahle ich nach vielem Verhandeln für zwei Stunden mit Lehrer. Zuerst fällt mir auf, wie anstrengend Surfen eigentlich ist. Das Brett zieht einen permanent mit der Strömung, Wellen müssen übersprungen werden und das Aufspringen ist dieselbe Bewegung wie bei einem Liegestütz. Nach der ersten Stunde bin ich zwar fertig, kann dafür aber auch die seichten Wellen mitnehmen. Mitte der zweiten Stunde erklärt mir mein Trainer, dass ich jetzt die Grundvorraussetzungen hätte und von nun an selber üben, also die nächsten Tage einfach vorbeikommen und ein Brett leihen könnte. Eine Welle zu stehen ist jedenfalls nicht der eine große Schritt, der einen zum Surfer macht, sondern ziemlich leicht. Viel fortgeschrittener fühle ich mich deshalb nicht, aber ein bisschen üben werde ich noch in den nächsten Tagen. Eva, die bis dahin geduldig am Strand ausgeharrt hat (was ich ihr hoch anrechne, eigentlich hatte ich erwartet, dass sie mir irgendwann mit Verband und Surfboard nachrennen würde), sehnt sich ebenfalls nach körperlicher Betätigung und wir vereinbaren, dass sie am Strand zurückjoggt und ich den Roller heimfahre. Wegen des Verkehrs und unübersichtlichen Straßengewirrs brauche ich sogar 20 Minuten länger bis zum Treffpunkt an der Küste. Gemeinsam fahren wir zum Hostel, wo unser Abendessen auf seine Zubereitung wartet. Es gibt Auberginenrollen mit Käse, Feigen, Tomaten und Frühlingszwiebeln, dazu Sojakuchen (schwer zu beschreiben, gibt es bei uns nicht) mit Gemüse und Chilisauce sowie Salat. Das werde ich demnächst bei einer Fastfoodkette kompensieren müssen. Es schmeckt auf jeden Fall.
Mit eigenem Roller und Küche fühlt man sich instinktiv heimischer und Bali ist wesentlich schöner als ich es mir ausgemalt habe. Ich kann die Surfer verstehen, die sich hier auf Monate einmieten.

Donnerstag, 12. Juni 2014

Bürokratie statt Brandung

242. 12.6.2014

Wie schon in Singapur können wir hier unser eigenes Frühstück zubereiten, für alle Gäste steht eine Küchenecke zur Verfügung. Meine Vorstellung von Normalität und Luxus hat sich in dieser Hinsicht in den letzten acht Monaten umgekehrt, es gibt zur Zeit kaum etwas schöneres als sich sein Essen selbst zubereiten zu können. Einiges muss erledigt werden, bevor wir uns Strand und Meer hingeben können, allem voran die Verlängerung des Visums. Gewappnet mit Ausdrucken unserer Rückflugtickets fahren wir mit dem Roller 18km nach Denpasar, zurück zum Immigration Office. Wer viel in Südbali unterwegs ist, verbringt den Großteil seines Tages in dem überall stockenden Verkehr. Nach etwa einer Stunde sind wir allen Widrigkeiten zum Trotz angekommen und werden erstaunlich schnell aufgerufen. Nach Abgabe unserer Unterlagen werden wir um etwas mehr Geduld gebeten, man rufe uns gleich erneut auf. Beim zweiten Aufruf werden uns unsere Quittungen ausgehändigt, versehen mit dem Datum, an dem wir zur Zahlung wieder erscheinen müssen. Leider ist dieses Datum der 17. Juni und auf Nachfrage erklärt man uns, dass die Prozedur nun sechs Werktage in Anspruch nehme: Dei bis zur Zahlung und weitere drei bis zur Fertigstellung. So viel Zeit haben wir aber nicht. Für mich käme in Frage, einfach mein Visum zu überziehen und die Strafgebühr von 80$ (20$/Tag) zu zahlen, Eva wäre mit dieser Taktik allerdings ein paar hundert Euro los. Deshalb erkundigt sie sich erneut an der Information und erfährt, dass es auch einen Eilantrag gäbe, gegen deutlich höhere Gebühren, mit dem wir unser Visum wie erhofft am Montag, dem 16. Juni abholen können. Misstrauisch macht mich, dass der Konsularangestellte für die normalen Verlängerungen davon nichts weiß, weswegen ich erst einmal vorgebe, zu wenig Geld dabei zu haben und bei Abholung zu zahlen.
Auf dem Rückweg legen wir mehrere Stopps ein, angefangen bei einem riesigen Carrefour Import-Supermarkt (selbstgemachtes Abendessen!), über einen Bademodenladen, wo Eva endlich einen Bikini findet, der ihrem Geschmack entspricht, bis zu einer Frozen Yoghurt Eisdiele, bei der schon die medium Größe mindestens zwei Eisbecher beinhaltet. Als wir zurück in der Unterkunft sind, ist es bereits vier Uhr. Schnell packen wir um und fahren an den Strand. Wir haben keine Wertsachen mitgenommen, da uns aufgefallen ist, dass der Strand und das Wetter bei Sonnenuntergang eigentlich ideal zum Joggen sind. Dazu muss gesagt werden, dass unsere Freundschaft selbst zum Teil auf der Halbmarathondistanz fußt und wir beide in den vergangenen Monaten auf Entzug waren. Eine Stunde, vielleicht auch zwei laufen wir den Strand nach Süden, über Seminyak, Legian und Kota und können dabei beobachten, wie der Touristisierungsgrad zunimmt. Aus alten Hütten werden Anlagen, Boutiquehotels und schließlich Beachclubs, die Menschenmengen nehmen zu und irgendwann kommt der erste pinke Sonnenschirm in Sicht, hunderte folgen ihm. In Kota fühlt man sich schließlich an einen indischen Tempel erinnert, Menschenmassen bevölkern den Strand um den Sonnenuntergang zu sehen, aber mehr noch um Fotos voneinander schießen zu können. Wir drehen um und joggen etwas mehr als den halben Weg zurück, als wir feststellen, dass wir entweder jetzt ins Wasser oder es ganz sein lassen müssen (der Wellengang ist bei Dunkelheit fatal). Schon die erste Welle macht klar, dass das Plätschern Sulawesis Geschichte ist. Darüber hinaus überascht sie Eva, wirft sie um, verrutscht ihr neues Bikinioberteil und befördert so den sich darin befindlichen Motorrollerschlüssel in die unendlichen Weiten der See. Eva ist erstaunlich unbeeindruckt davon, vielleicht das Adrenalin vom Laufen, und planscht noch eine halbe Stunde mit mir im Wasser, bevor wir mit wagen Hoffnungen den Strand absuchen. Zwar finden wir keinen Schlüssel, aber immerhin eine geschlossene Kekspackung und einen netten, ansässigen Italiener mit indonesischer Frau. Der Rückweg zum Roller ist wesentlich länger, als wir ihn in Erinnerung hatten (wobei das mit der Orientierung am Strand generell so eine Sache ist), doch um halb acht können wir erfolgreich einen Anruf vom Handy einer Australierin absetzen. 15 Minuten später fährt uns Nyoman, der Besitzer unseres Hostels mit einem Zweitschlüssel entgegen. Zu Tode beruhigt und dankbar fahren wir die verbleibenden vier Kilometer nach Hause, verwerfen jegliche Pläne heute zu kochen und gehen essen (ich bekomme sogar eines der übersteuerten Biere ausgegeben).

Im Land der Südseepauschalreisen

241. 11.06.2014

Der Tag beginnt verhalten, die nette Rezeptionistin vom Vortag wurde durch einen mürrischen Raucher ersetzt, der uns zwar kein Frühstück um dreiviertel sieben zubereiten will (erst ab sieben!), aber dafür bereits ein Taxi zum Flughafen organisiert hat. Dessen Fahrer will erst das Taxameter nicht anschalten und versucht, als wir deshalb drohen auszusteigen, uns bei jeder Mautstelle zu betrügen. Die nicht zu entrichtende Parkgebühr "klaue" ich mir vom Armaturenbrett zurück, während er äußerst zuvorkommend das Gepäck auslädt. Die Fahrt war wohl ein Vorgeschmack auf das, was uns in den touristischeren Gegenden, sprich Bali und Jakarta, bevorsteht. Makassars Flughafen ist sehr modern und vor allem groß im Verhätnis zur Stadt. In einem Archipel kommt dem Fliegen aber zugegebenermaßen auch eine größere Rolle zu als auf dem Festland. Die Sicherheitsstandards können da scheinbar nicht mithalten, denn die einzigen, denen auffällt, dass wir noch zwei Flaschen Wasser mit rund einem halben Liter Inhalt in unseren Taschen haben, sind wir selber und dass im Wartebereich am Gate. Der Flug dauert nur knapp eineinhalb Stunden und endet mit echtem Nervenkitzel, da die Landebahn in Denpasar rund zwanzig Meter hinter der Küstenlinie beginnt und man deshalb zuvor das Gefühl bekommt, gleich auf dem Wasser aufzusetzen. Auf unserem Weg von der Arrivals-Halle zum Immigration Office, wo wir beide unser nur für 30 Tage gültiges Visa-on-arrival verlängern lassen müssen, hält uns bzw. mich eine Cold Stone Filiale auf. Genau, die amerikanische Eisdielenkette mit der lustigen Zubereitungsweise und absurden Größen. Wie ich neulich erfahren habe, ist sie in Amerika außerdem berühmt für den PB&C (Peanut Butter and Chocolate) Shake, mehrmals gebrandmarkt als das ungesündeste Getränk Amerikas. Wer könnte da widerstehen? 2000 Kalorien, 131 Gramm Fett und 153 Gramm Zucker stecken angeblich in den vier Kugeln Schokoeis, die mit einem Löffel Erdnussbutter und einem Schuss Milch verquirlt werden. Ungesünder als andere Milchshakes schmeckt er trotzdem nicht und auch ein Sättigungsgefühl setzt bei mir nicht ein. Hauptsache probiert. Nachdem das geklärt ist nehmen wir ein Bluebird Taxi zum Immigration Office, wo gerade die einstündige Mittagspause begonnen hat. Doch auch danach kann man uns leider nicht helfen, weil Anträge nur vormittags angenommen werden. Immerhin erklärt man uns ausführlich, wie dieser Akt formvollendeter Bürokratie im Detail abläuft. Am Folgetag müssen wir - aber nur von acht bis zwölf! - mit Antragsformular, Flugnachweis, sowie Pass- und Visumkopie erscheinen und alles aushändigen, nicht aber die 250.000 Rupiah (~16€). Stattdessen werden wir eine Quittung bekommen, mit der wir während eines zweistündigen Zeitfensters am darauffolgenden Tag bezahlen können, wofür wir erneut eine Quittung erhalten, die uns zur Abholung unserer Unterlagen berechtigt. Allerdings nicht sofort, sondern erst am dritten Tag, und auch nur zwischen 13 und 15 Uhr. In unserem Fall ist das erträglich, da wir sowieso einen längeren Aufenthalt in der näheren Umgebung planen. Unser Favorit, Canggu, liegt etwa 15km außerhalb Denpasars und damit auch entfernt genug von Kota und Legian (das Mallorca Australiens). Als auch noch zwei Backpacker, die mit uns im Immigration Office warten, den Ort empfehlen, steht unsere Entscheidung fest. Ein Freelance-Taxifahrer nimmt uns günstig mit und lässt uns zielsicher an der besten Unterkunft aussteigen. Um in einer Urlaubsgegend wie Südbali ein Zimmer mit Bad und einen Roller für 10€/Tag zu bekommen, braucht man schon eine unfaire Portion Glück.   . Den restlichen Tag entspannen wir am Strand (mit Wellen!), wo wir die Surfer bewundern. Für Eva ist das Thema seit ihrem Unfall wohl gelaufen, aber ich werde in den nächsten Tagen mal ein paar Gehversuche starten.

Dienstag, 10. Juni 2014

Aus der Not

240. 10.6.2014

Um etwas zu tun zu haben unternehmen wir heute einen Ausflug nach Bantimurung, einem Naturpark rund um einen Wasserfall. Obwohl nur fünfzig Kilometer außerhalb Makassars gelegen, ist die Anfahrt mit mehreren Umstiegen und Stunden Dauer das eigentliche Erlebnis. Indonesien ist ein tolles Beispiel für Länder, in denen die Infrastruktur nicht mit dem Verkehrsaufkommen mithalten kann. Autos sind mittlerweile weit verbreitet, trotzdem sind die Straßen einer Millionenstadt wie Makassar ein-, bestenfalls zweispurig. Stau auf den Hauptstraßen ist ganztägig die Regel.
Der Park fällt in die Kategorie "ganz nett". Neben dem Wasserfall gibt es ein natürliches Schwimmbecken, eine Höhle, viele Schmetterlinge und noch mehr indonesische Touristen, die Fotos mit uns machen wollen. Da stehen sie ihren indischen Kollegen in nichts nach. Ich kann mich über einen Schulausflug mit 12-jährigen amüsieren, bei dem die Jungs beinahe ausnahmslos rauchen, Eva weniger. Die Rauchkultur ist unfassbar, da ändern auch halbherzige Warnhinweise der Regierung nichts. 65ct kostet die Packung Zigaretten und von Kindern in den ersten Zügen der Pubertät bis zu zahnlosen Opas kauft sie jeder (Mann wohlgemerkt).
Nach zwei Stunden gehen wir, auch um zu verhindern, dass Eva in ihrer Sehnsucht mit Verband und bekleidet ins Wasser springt. 50km Stau später und bereits in der Abenddämmerung sind wir zurück in Makassar und durchstöbern auf dem Weg zum Hafen die Marktstände. Dabei finde ich eine vorläufige Badehose, nachdem ich meine vorige auf einem Schiff vergessen habe, sowie ein psychadelisches Batikhemd, das zu geschmacklos ist, um es links liegen zu lassen. An der Küste befindet sich eine Art Luxus-Foodcourt mit Blick auf den Hafen und das Meer. Es gibt Nudeln mit Hähnchen und Pilzen, die ohne die Sojanote auch in einem fränkischen Landgasthaus hätten serviert werden können, sowie frittiertes Eis (knuspriger, warmer Teig mit einer Kugel Eis darin). Eva hat mit ihren Bananen mit Zucker-Soja Sauce weniger Glück. Nach dem Essen gehen wir direkt zum Hotel, weil wir wegen des Flugs nach Bali am nächsten Tag bereits um sieben aufstehen müssen (nicht, dass wir letztendlich früher einschlafen würden, aber es gibt einem ein gutes Gefühl).

Sulawesi in Bildern

Das wurde aber auch Zeit!
Habe ich zumindest von vielen gehört. Kurze Erläuterung in Reihenfolge:

Mag sie nur, weil sie blond ist: Sulawesibär mit Evas Haaren

Kinder auf den Bunakeninseln

Eva mit Vulkankrater

Sonnenuntergang auf den Togeans

Wo das Steak herkommt: Begräbniszeremonie in Tana Toraja

Auf dem Boot auf dem Weg zu einem Tauchgang

Montag, 9. Juni 2014

Land-Stadt-Meer

239. 9.6.2014

Die Morgendämmerung holt mich um halb sechs aus meinem sechsstündigen Schlaf. Während Eva noch ein wenig im Reich der Träume verweilt, wandelt sich die Umgebung langsam von ländlich über zersiedelt zu urban. Makassar ist die einzige Stadt auf der nur acht Millionen fassenden Insel Sulawesi, die die Vorsilbe Groß- verdient. Von Touristen missachtet und nur als notwendiger Verkehrsknotenpunkt genutzt, ist sie meiner Erfahrung mit Städten in Entwicklungsländern nach sehr sauber und ruhig. Um halb sieben steigen wir aus und nehmen ein Taxi zum New Legends Hostel, wo gerade glücklicherweise das beste Zimmer frei geworden ist. Gemächlich frühstücken wir, packen aus und überlegen, was wir heute machen könnten. Wir entscheiden uns für einen 5km Spaziergang entlang des Meeresufers/Hafens zur größten Shoppingmall Makassars, weil wir beide sowohl ins Kino wollen als auch Kleidung brauchen. Verwunderung macht sich am Hafen breit. Sind wir hier wirklich an eine Küstenpromenade geraten? Außerhalb Singapurs beschränkte sich die Wertschätzung der Asiaten für das Meer bisher auf dessen Funktionen als Nahrungslieferant, Transportweg und Abfalleimer. Zwar weht einem auch hier ein fauliges Lüftchen anstatt einer frischen Brise entgegen, aber der gute Wille ist offensichtlich vorhanden. Noch begeisterter sind wir von der modernen Moschee, die auf Betonpfeilern in ein Hafenbecken vorversetzt wurde (siehe Foto). Danach nimmt die Fußgängerfreundlichkeit rapide ab, die letzten zwei Kilometer zur Mall laufen wir auf der Begrenzungsfläche einer zweispurigen Schnellstraße. Die Mall ist wie so eine Mall eben ist, ob in Chennai, Singapur, Nairobi oder Makassar. Kleidung finden wir nicht, aber Kopfhörer und den neuen X-Men Film gut (auch Eva!). Pech für Indonesier, Glück für uns: Hollywoodstreifen werden hier nur untertitelt, nicht neu synchronisiert. Danach reiße ich mich dazu durch, meinem inneren Trieb zu einem etwas teureren Italiener zu folgen. Teuer bedeutet hier 9€ für Bruschetta, wirklich italienische Pizza und Panna Cotta, aber man passt sich nun einmal der Umgebung an. Es war auf jeden Fall jeden Cent wert.
Die zwei unschönen Kilometer lassen wir uns mit einem Taxi fahren, den restlichen Weg schlendern wir zurück und treffen auf ein zum Leben erwecktes Makassar. Überall sind Streetfoodstände und Armadas von Plastiktischgarnituren, Straßenmusiker spielen Gitarre, Kinder schießen leuchtende Helikopterräder in den Nachthimmel. Wie kommt man nur auf Idee, das schön beim Reisen nur das Besondere, Traditionelle, Andersartige sein kann?

Umherstreifen

238. 8.6.2014

Beim Auschecken fällt uns auf, dass wir uns um einen Tag vertan haben, unser Flug nach Denpasar geht erst am 11. Juni und der Aufenthalt in Makassar verlängert sich dementsprechend auf zwei Nächte. Alternativ könnten wir noch eine dritte Nacht in Rantenpao verbringen, aber das reizt uns trotz des schönen Hotels kaum. Schon heute müssen wir bei der Suche nach Aktivitäten improvisieren. Aus der geplanten Besteigung eines 2400m hohen Gipfels im Hinterland wird aufgrund von Problemen mit der Anfahrt ein Spaziergang um Rantenpao mit Besteigung eines kleinen Hügels mit einem hässlichen Beton/Stahlkreuz auf der Spitze. Darüber hinaus entdecken wir einen kleinen See in wunderschöner Lage zwischen zackigen Bergen. Leider wurde er vor uns von der Tourismusbehörde entdeckt, 1,20€ Eintritt schmälern das Gefühl des entdeckt-habens doch ungemein. Dank vielfältiger Gesprächsthemen kommt trotz der unspektakulären Route aber keine Langeweile auf. Auf dem Weg zum Hotel traumatisieren wir unsere Geschmacksnerven mit Milchshakes ohne Milch (siehe Foto), die genau so schmecken wie sie aussehen. Danach vertreiben wir uns noch drei Stunden Zeit im Hotelrestaurant, bevor wir mit Zwischenstopp bei einem Restaurant zur Bushaltestelle laufen. Die Ticketpreise für die neunstündige Fahrt nach Makassar rangieren zwischen 7€ (Economy) und 13€ (Premium Business). Abgehärtet durch indischen Verkehr und nepalesische Straßenzustände geben wir uns mit dem Billigsten zufrieden und fallen beim Betreten des Busses vor Erstaunen fast wieder rückwärts heraus. Die superbreiten Sitze in denen man halb versinkt sind mit Fußlehnen, Kopfkissen und anderen Annehmlichkeiten ausgestattet, die man eher in der Business Class eines Flugzeugs erwarten würde. Unter diesen Umständen sollte es kein Problem sein, diese Nacht genug Schlaf zu bekommen.

Samstag, 7. Juni 2014

Roadtrip

237. 7.6.2014

Trotz acht Stunden Schlafs fühle ich mich nicht vollkommen ausgeruht. Zum Frühstück gibt es immerhin zum ersten Mal auf Sulawesi etwas, dass den Namen "kontinental" verdient. Ziemlich spontan entschließen wir uns zur Teilnahme an der Motorradtour der sechsköpfigen Gruppe. Ebenso spontan verlassen wir sie wieder, als wir feststellen, dass wir unterschiedliche Vorstellungen von gemütlich haben.
Kulturell hat man die Toraja relativ schnell abgearbeitet, die "traditional villages" und Gräber wiederholen sich, aber landschaftlich gibt es noch einiges zu sehen. Wir fahren lange bergauf und kommen zu einem Kiosk mit Terasse und atemberaubenden Ausblick über die üppig bewaldeten, zackigen Hügel. Nach einem Kakao und diversen Snacks, darunter dicke Kartoffelchips mit scharf gewürztem Sirup, geht es immer noch bergauf, bis die Straße sowohl hinsichtlich der Neigung als auch der Qualität kippt. Am Ende der Abfahrt zittern meine Arme, da ich auf der steilen, mit 20cm hohen Stufen durchsetzten Straße nicht nur mein eigenes, sondern auch Evas Gewicht (die sich mit bandagierter Hand schwerlich festhalten kann) gegenhalten muss. Von da an ist die Fahrt zurück ein Spaziergang. Später erzählt uns die Amerikanerin, dass sie bereits im Hotel nach uns gesucht und sich Sorgen gemacht habe, wir wären auf der Straße bergab verunglückt.
Michael und Kaja, die beiden Deutschen, reisen noch am Abend ab, der Rest der Gruppe bleibt wie wir für eine weitere Nacht. Zum Abendessen gönne ich mir ein Wasserbüffelsteak medium-rare, dass allerdings schmeckt wie kurz angedünstet. Die quasivegetarischen wie in Indien Zeiten sind hier jedenfalls Geschichte, das gilt auch für Eva, die mehr Fisch und Seefrüchte denn je isst. Es wird einem mit ca. 80% Fleischgerichten auf Speisekarten aber auch schwer gemacht, sich für anderes zu entscheiden, zumal die Indonesier kulinarisch meiner Meinung nach mit Fleisch wesentlich mehr anfangen können als mit Gemüse.

Götter des Gemetzels

236. 6.6.2014

Die Fahrt war dann doch weniger schlimm als erwartet ("worst roads! you won't find sleep at all!"), sechs Stunden habe ich mindestens geschlafen. Etwas verdutzt sind wir, als wir um halb fünf plötzlich vor die Tür gesetzt werden - scheinbar sind wir da. Vorgebucht hat niemand und so schauen wir auf gut Glück in die erstbesten Hotels. Das eine ist geschlossen, im anderen gibt es noch kein freies Zimmer. Wenn ich etwas über das nachts Ankommen gelernt habe, dann dass man sich Zeit lassen sollte. Da Eva und mir das Hotel sehr gut gefällt, bestellen wir Kaffee und lesen zwei Stunden, bis wir ein frei gewordenes Zimmer zugewiesen bekommen, während die anderen im mittlerweile geöffneten Haus gegenüber fündig geworden sind. Kaum geduscht und umgezogen werden wir von einem lokalen Guide informiert, dass eine der berühmten Begräbniszeremonien der Toraja heute stattfinden würde. Obwohl wir alle sicherlich lieber noch ein paar Stunden Schlaf nachgeholt hätten, überwinden wir uns dazu mitzukommen, da dies unsere einzige Chance ist eine Bestattung zu sehen. Mit Motorroller unter und Eva hinter mir fahre ich in der Kolonne auf einen nahegelegenen Hügel, wo die Rituale auf dem Grundstück der Familie des Verstorbenen durchgeführt werden. Wobei man bei Ritual zuerst an etwas mystisches, transzendentes denken würde. Wenn dem so wäre, müssten Schlachthäuser äußerst spirituelle Orte sein, denn aus meiner Perspektive als weißer Westler hat sich der Innenhof in ein Schlachtfeld verwandelt. Das ist durchaus wörtlich zu verstehen, der Platz ist über und über bedeckt mit Gedärmen, in Blut und Scheiße getränkt und hier und da thronen Rinderköpfe mit etwas roter, glitschiger Wirbelsäule daran. Außenrum liegen verängstigte, an Bambusstäben fixierte Schweine und harren ihrer Schächtung. Wohlstand wurde und wird bei den Toraja vor allem in Wasserbüffeln bemessen. Je mehr man davon opfern kann, ob zu Trauerfällen, Geburten oder Fußballspielen, desto cooler ist man, vereinfacht ausgedrückt. Wie in Indien bei den Hochzeiten pervertiert dieses System zu immer neuen Höhen. Familien verschulden sich auf Lebenszeit, um ein paar Büffeln (je 2000€) die Kehle durchschneiden und ihr Fleisch dann ans Dorf verteilen zu können. Unser Begräbnis gehört mit "nur" acht davon und Unmengen an Schweinen noch zu den kleinen. Das Minimum für die Oberschicht sind beispielsweise 24 Büffel.
Zumindest am heutigen Tag ist das Töten und Zerlegen der Tiere neben dem Empfang der Gäste auch der einzige Programmpunkt. Die vielleicht zwanzig damit beschäftigten Männer waten barfuß durch den Matsch aus rohem Fleisch und Blut und naschen während der Arbeit auch mal vom rot verschmierten Plätzchenteller, von Aufregung oder gar Widerwillen keine Spur. Immerhin werden seit 100 Jahren keine Menschen mehr geopfert,  insofern ist dieser martialische Ritus schon ein Fortschritt. Während die Familie in wunderschöner Festtagskleidung anmutig die Gäste bewirtet, verdirbt uns die Mischung aus Kuhdung, Schlachthaus und Verwesung geruchlich den Appetit. Zumindest etwas Reis mit Gemüse und der schärfsten natürlichen Chilisoße meines Lebens kriege ich hinunter, bevor wir den Schauplatz des Massakers verlassen. Danach besuchen wir noch einige mehr oder weniger interessante Schauplätze der Torajakultur, darunter diverse Gräber (in Bäumen, in Höhlen, hängend...) und die charakteristischen Wohnhäuser und Reisspeicher mit den sichelförmigen Dachkonstruktionen aus Bambus und neuerdings Wellblech (was ihrer Ästhetik weniger schadet, als man meinen würde). Zumindest architektonisch sind die Leistungen der Toraja wirklich beeindruckend für ein Stammesvolk. Nachdem wir zurück am Hotel sind, beschließen Eva und ich noch einmal zu einer Patisserie zu fahren, die wir an der Hauptstraße entdeckt haben. Leider findet sich nur die übliche Backware unter anderem Siegel mit höheren Preisen. Das Abendessen überzeugt dagegen auf ganzer Linie, Indonesier sind Genies im Marinieren von Fleisch. Eva hat weniger Glück, wobei ich mir von einer Spargelsuppe in Südostasien nie zu viel erwarten würde.

Freitag, 6. Juni 2014

Handicap

235. 5.6.2014

Wer hätte gedacht, dass ein Dorf wie Tentena ein Krankenhaus hat? Die wesentlich größere Hürde ist es, jemanden mit ausreichenden Englischkenntnissen zur Schilderung des Unfalls und Diagnose ausfindig zu machen. Der Sohn einer Ärztin übt sich schließlich als Dolmetscher und Eva wird erst einmal geröntgt. Sogar wir erkennen, dass nichts gebrochen ist, allerdings, und das fällt wohl nur Medizinern auf, ist die Handwurzel verschoben. Mit Bandage, Schmerzmittel und Breitbandantibiotikum (warum auch immer, es gibt nicht einmal eine offene Wunde) werden wir verabschiedet, ein Gespräch mit meinem Vater gibt noch etwas mehr Aufschluss. Eva wird die nächste Woche auf jeden Fall einhändig auskommen und in Deutschland womöglich nochmal ins Krankenhaus gehen müssen, aber akut bedrohlich ist die Verletzung nicht. Wir sind heilfroh, dass keine Bettruhe, Rückflüge oder sonstige Horrorvorstellungen Realität wurden und essen zur Belohnung für so viel Glück ein Eis. Danach bleiben uns noch fünf Stunden bis unser Nachtbus nach Rantenpao abfährt. Evas Zustand entsprechend lesen wir die meiste Zeit im Hotel und spitzen nur mal raus um uns etwas zum verfrühten Abendessen zu holen. Am Busbahnhof treffen wir unseren nächsten Begleittrupp nach den Holländern. Die bunt gemischte Gruppe besteht aus einer Amerikanerin, einem Schweizer, zwei Franzosen und zwei Deutschen, darunter der Bayreuther. Wie wir fahren sie über Nacht nach Rantenpao. Nach zwei oder drei Schokomilch (in Kenia war es Trinkjoghurt, in Indien Lassi - zu irgendeinem Milchprodukt entwickle ich in all meinen Reiseländern eine ungesunde Beziehung) kommt der ungewöhnlich moderne Bus am Terminal an. Er besticht durch Ledersitze mit verstellbarer Lehne und AC(!). Wir sind also bestmöglich gerüstet für die anstehenden zwölf Stunden Fahrt.

Mittwoch, 4. Juni 2014

Auf eigenen Rädern

234. 4.6.2014

Mein internationaler Führerschein zahlt sich also doch noch aus! In Indien habe ich mich nie getraut, die Gegend mit einem Roller zu erkunden. Jede Busfahrt war ein warnendes Beispiel und dass Socke bei ihrem Experiment eine Mülltone umgefahren und mich nähere Bekanntschaft mit einem fahrenden Auto schließen lassen hat, war meinem Selbstvertrauen auch nicht gerade zuträglich. Sulawesi hat dagegen traumhafte Zustände. Die Straßen sind zwar etwas löchrig und baufällig, aber der Verkehr verdient hier seinen Namen, Regeln werden befolgt und sogar mit einem Motorroller ist man nicht vollkommen vogelfrei. Bei einer Leihgebühr von 6€ pro Maschine inklusive vollem Tank nur logisch, dass wir uns mal auf zwei Rädern versuchen müssen. Ich bin bisher zwei Runden um den Block mit dem Automatikroller meines Vaters gefahren und damit immerhin zwei Runden mehr als Eva, die noch nie auf einem saß, zumindest als Fahrerin. Zuerst müssen uns die Besitzer die Funktionsweise einer Semiautomatik erklären und uns bei der Gelegenheit gleich noch zeigen, wie man das Teil überhaupt anlässt. Doch wir scheinen uns mehr Sorgen zu machen als sie. Tatsächlich: Sobald man fünf Minuten auf der Straße ist, gelingt die Bedienung wie von selbst.
Unser etwas größenwahnsinniger Plan ist die Umrundung des Danau Poso, der zwei Drittel der Fläche des Bodensees hat, im Gegensatz dazu aber nur eine im besten Fall geteerte, einspurige Straße, die ihn umzirkelt. Im schlechtesten Fall wird daraus ein mit Pfützen und Schlaglöchern getüpfelter Schotterweg, der navigatorisch einiges abverlangt. Eva stellt fest, dass der Straßengraben auch keine Alternative ist, nachdem sie ihr Motorrad zielstrebig hineindirigiert hat. Diese Trotzreaktion wider der Straßenführung ist der Tatsache geschuldet, dass man anfangs beim ruckartigen Losfahren den Gashebel instinktiv umklammert hält und so immer schneller wird. Mit zwei Indonesiern holen wir den Roller aus dem eineinhalb Meter tiefen, überwucherten (nur der Vollständigkeit halber, eigentlich ist hier jeder freie Fleck Erde überwuchert) Graben. Eva scheint unglaublicherweise ohne größere Blessuren davongekommen zu sein, genauso wie die Maschine selbst. Wir finden kurz darauf ein paar schöne Cottages mit Restaurant und Strand am See, wo sie sich von ihrem Schock erholen kann. Nach Nasi Goreng und Ananassaft fahren wir die Westseite des Sees hinunter auf einem nicht immer gut erhaltenen, aber wunderschönen Sträßchen. Es führt durch hügeligen Regenwald und viele kleine Dörfer, interessanterweise christlich, buddhistisch, aber nicht muslimisch geprägt. Während sich in Deutschland die Straßenplanung nach den Ansiedlungen richtet, wird dieses Prinzip in Entwicklungsländern gerne ins Gegenteil verkehrt. Eine Straße (besonders geteert!) bringt Waren, Menschen und Mobilität. Kein Wunder, dass sich an ihr wie an einer Perlenschnur Häuser und Hütten aufreihen. Wo wir anhalten, sorgen wir für große Verwunderung und Belustigung. Zwei Weiße sieht man nicht alle Tage. Gegen Ende gibt sich die Straße versöhnlich, statt Schlaglöchern und Matsch haben wir ein astreines Teerband vor uns, dass am Südende des Sees in die Hauptstraße mündet. Hier kann ich endlich ausprobieren, wie sich 100km/h auf zwei Rädern anfühlen. Uns stehen zwei Rückwege zur Wahl. Entweder wir fahren erneut auf einem kleinen Sträßchen direkt am Ostufer entlang und riskieren, erst spät abends anzukommen, oder wir nehmen die weniger schöne, aber schnelle Hauptstraße. Wir entscheiden uns für Option eins, bis wir nach etwa 45 Minuten darauf hingewiesen werden (Kommunikation findet hauptsächlich auf Basis von Handzeichen statt), dass der Weg später unpassierbar werde. Also wieder zurück auf der landschaftlich zugegebenermaßen wunderschönen Strecke. Was der Hauptstraße in dieser Hinsicht fehlt, macht sie durch ihre unzähligen Kurven und Hügel wett. Solange es hell ist, fahre ich auf der sonst leeren Piste mit einem Van um die Wette. Problematisch wird es mit dem Einbruch der Dunkelheit, denn von unseren Standards ist der Belag trotzdem weit entfernt, Schlaglöcher oder ausgewaschene Stellen können immer auftauchen, was ich ein oder zwei mal deutlich im Beckenbereich zu spüren bekomme. Dazu kommt, dass Eva unsicherer fährt, wohl auch, weil sie im Nachhinein merkt, dass sie sich am Handgelenk verletzt haben muss. Die letzten zwei Stunden im Stockdunklen (ab halb sieben) müssen für sie eine echte Zerreißprobe sein, zwischendurch ist die Straße nur noch eine glitschige Schlammspur und entgegenkommende Laster machen einem das Leben schwer. Umso größer die Erleichterung, als aus der absoluten Dunkelheit die ersten Lichtfunken der Ausläufer Tentenas auftauchen. 200km haben wir am Ende des Tages auf unseren Tachos und nach dieser Lektion wird Rollerfahren in Deutschland das reinste Kinderspiel sein. Evas Handgelenk ist von der eher ungünstigen Dauerbelastung nach dem Sturz mittlerweile bedrohlich angeschwollen, aber mit etwas Eis kann sie immerhin schlafen. (Spoiler: Nichts gebrochen.)

Dienstag, 3. Juni 2014

Von A nach B

233. 3.6.2014

Um 7:30 Uhr legt die Fähre nach Ampana (Sulawesi) in Katupat ab. Für die 50km braucht sie mit all den gemächlichen Zwischenstopps bis zwei Uhr nachmittags. Wir verkriechen uns unter Deck als die Sonne in all ihrer Äquatorialität zu stechen beginnt. Ich genieße es, endlich mal wieder mehrere Stunden am Stück Musik hören zu können, Eva vollendet währenddessen ihre Zusammenfassung der Bunakeninseln, löscht sie versehentlich, hat eine Krise und entwirft sie erneut. Im Hafen Ampanas werden wir und alle anderen mitgereisten Backpacker von Mrs. Harbour empfangen. Die so geschäftstüchtige wie rüstige Oma mit Kurzhaarschnitt, Shorts und psychadelischem T-Shirt hat die strategische Lage von Ampana für den Togian Islands Tourismus erkannt - und genutzt. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie uns bedeutet, ihr zu folgen, macht den individuellsten Individualtouristen zum artigen Reisegruppenteilnehmer. Nach zehn Minuten, in denen sie Anweisungen gibt, telefoniert und Gruppen formiert, sind alle Hotelzimmer und Anschlussverbindungen organisiert - keiner wagt, auch nur das Wort "Komission" oder "Discount" in den Mund zu nehmen. Wer in so einem Outfit so viel Souveränität ausstrahlt, muss es ernst meinen. Wir wurden mit zwei weiteren Deutschen einem Sammeltaxi nach Tentena zugewiesen, dass wegen Straßenarbeiten allerdings erst um fünf losfahren kann. Bis dahin stopfe ich mich mit Fast Food voll, weil wir in Tentena zu spät zum Abendessen ankommen werden und ich Eva nicht schon wieder die hungrige Version meiner selbst zumuten möchte. Nach Nasi Goreng und einem Burger, der geschmeckt hat, als hätte man das Brötchen der Frikadelle gleich hinterher in die Fritteuse geworfen, schleppe ich mich zurück zum Abfahrtsort, wo wir letzte Instruktionen von Mrs. Harbour erhalten. Mit uns an Bord ist ein deutsches Pärchen in Eile, da ihr Flug von Makassar bereits am siebten Juni geht. Theoretisch wären wir um elf angekommen, doch wir geraten in einen zweistündigen Stau, was hier bedeutet, dass sich 40 Minuten nichts bewegt, keiner weiß warum, aber trotzdem alle die Motoren laufen lassen. Ich bekomme davon nicht allzu viel mit, da ich zwischen neun und ein Uhr nachts (unserer Ankunftszeit) meist schlafe, ein Zustand, den wir, im Hotel eingecheckt, nahtlos fortsetzen.

Von Tag zu Tag

232. 1./2.06.2014

Das Essen in unserer Unterkunft schwankt zwischen langweilig und dürftig, doch wer wollte sich bei dem Preis über Pfannkuchen ohne Beilage zum Frühstück beschweren. Wenn wir nicht gerade Schnorcheln, sitzen oder liegen wir lesend am Strand. Ich bringe mich mit der ZEIT auf den aktuellen politischen Stand  in Europa, immerhin bin ich ja bald wieder auf dem Kontinent, wo Menschen verwöhnt genug sind um fortschrittsmüde zu werden und wählen.
Mit uns auf der nicht ganz einsamen Insel sind die vier Holländer von den Bunaken, wobei jeweils zwei von uns in einem der drei Resorts wohnen. Abends schauen wir erneut bei Thorsten und Jessica im Black Marlin vorbei, wo Eva ihre Früchte und ich meine Süßigkeiten bekomme. Thorsten und ich teilen eine Leidenschaft für Schokokekse und Chips und schaffen es in den zwei Tagen zusammen durch den Großteil des Angebots.
Der nächste Tag hätte genauso verlaufen können, doch Eva ist entschieden dafür, die letzte Nacht auf dieser plakativ paradiesischen Inselgruppe an einem anderen Ort zu verbringen. Wir finden eine Möglichkeit, die sich mit der Fähre nach Ampana am nächsten Morgen verbinden ließe, nur kostet uns das gecharterte Boot zu zweit zu viel. Doch in Daniel, Yentl (auf diese Schreibweise wäre ich wirklich nie gekommen), Jessica und Thorsten finden wir altbewährte Mitstreiter, denen ebenfalls nach Abwechslung ist. So brechen wir um elf Uhr vormittags auf, von Kadidiri nach Katupat, etwa eine Stunde Bootsfahrt auf einer niedlichen Fischerbarkasse. Auch unser neues Resort sieht aus wie der voreingestellte Bildschirmschoner eines tropischen Strandes, nur ist das Essen besser und der Preis höher. Nachdem ich beides gesehen habe, würde ich im Zweifelsfall mit dem stürmischen Nordatlantik Vorlieb nehmen. Das Meer hier ist warm wie ein Thermalbad und hat einen unglaublichen Artenreichtum, aber meiner Ansicht nach muss Meer rau, abwechslungsreich und einschüchternd sein, zumindest ein bisschen. Sonst lässt die Faszination schnell nach, was mir auch Eva an unserem zweiten Tag hier bestätigt. Thorsten und Jessica nutzen die kleine Insel nur als Zwischenstopp nach Malenge, wo sie die Nacht verbringen wollen. Nachdem wir uns herzlich mit dem scheinbar auch in den Niederlanden üblichen Küsschen links-rechts-links verabschiedet haben, nehmen die beiden die Fähre um vier. Wir sehen einen rekordverdächtig schönen Sonnenuntergang aus dem Meer und verbringen einen gemütlichen letzten Abend mit Yentl und Daniel.

Filmreif

231. 31.05.2014

Um sieben bin ich wieder auf dem Deck, um die uns entgegenkommenden Inseln zu begrüßen. Man sieht kein Zeichen von Zivilisation darauf, nur tropischen Regenwald. Erst um halb neun legen wir in Wakai, dem Hauptdorf der Togian Islands an. Jetzt gilt es zu entscheiden, zu welchem Resort wir wollen, ohne Straßen ist der Nahverkehr nämlich eine ziemlich komplizierte Sache. Da die Holländer allesamt nach Kadidiri Island gehen, schließen wir uns ihnen an und nehmen ein Speedboat. Auf der Insel gibt es eine Holzhütte mit zwei Betten und drei Mahlzeiten täglich für 6,50€ pro Person. Bei diesen Preisen können wir uns ohne weiteres auch noch die Tour zum Jellyfish Lake leisten, einem vor langer Zeit vom Meer abgetrennten See, in dem Meeresquallen zwar überlebt, aber ihr Nesselgift verloren haben, sodass man gefahrlos inmitten von hunderten von ihnen schwimmen kann. Der Anblick des durchsichtigen, sich ziellos bewegenden Gelees wirft bei uns die Frage auf, wie und von was diese Tiere eigentlich leben, die aufgrund fehlenden Internets auf den Togians aber erst in ein paar Tagen beantwortet werden kann. Direkt neben dem See ist unser zweiter Stopp, ein wunderschöner, abgelegener, tropischer Strand mit etwas Plastikmüll und tollen Schnorchelmöglichkeiten. Gerade rechtzeitig zum Abendrot beginnt es zu regnen und wir stellen erstaunt fest, dass das Meer im Uferbereich so aufgeheizt ist, dass man sich darin aufwärmen kann. Wir fahren zurück im golden schimmernden Wasser vor rot leuchtendem Himmel und mehreren Regenbögen, während die fallenden Tropfen auf dem stillen Meer unzählige Kreise ziehen. Ich warte noch auf einen Schwarm Delfine, romantische Filmmusik und ein Feuerwerk, um der Situation den angemessenen Rahmen zu geben. Nach einem Abendessen, dessen Preis man leider schmecken kann, ziehen wir für den Nachtisch in die wesentlich luxuriösere Black Marlin Lodge um, wo auch Thorsten und Jessica untergekommen sind. Wir zwingen sie und die anderen vier Holländer (ich habe eine Theorie, dass Europäer vorzugsweise in ihre ehemaligen Kolonien reisen und bin sicher, dass man sie statistisch belegen könnte. Briten in Kenya, Franzosen in Pondicherry, Holländer in Indonesien usw.)  an ihrem Tisch auf Englisch zu wechseln und unterhalten uns vielleicht bis halb zehn, als ich zu müde werde und in unsere Hütte gehe (und bescheuerterweise nicht vor zwölf einschlafen werde).

Plötzlich Geburtstag

230. 30.05.2014

Um sieben Uhr schleiche ich mich in geheimer Mission aus dem Zimmer. Da wir gestern erst um neun in Gorontalo angekommen sind, hatte ich keine Chance noch irgenetwas für Eva zu organisieren.
Meine Befürchtungen stellen sich als begründet heraus: Vor zehn hat hier kein Laden offen. Aber irgendein Marktstand bestimmt. Nur wo? Mit einem ohne grammatikalische Vorkenntnisse nur aus dem Wörterbuch konstruierten Satz komme ich tatsächlich bis zum Fruchtmarkt und kaufe vorsorglich alles, was dort ausliegt. Zurück im Hostel verarbeite ich das zu einem Fruchtsalat, während ich mich mit dem Besitzer unterhalte. Praktischerweise weiß Eva mit einem Obstsalat mehr anzufangen als mit einer Torte und angesichts des restlichen Frühstücksangebots scheint mein "Geschenk" eine gute Wahl gewesen zu sein. Den Vormittag verbringen wir in einer verblüffenden Mall, die einen großen Buchladen, Coffeeshops und einen Supermarkt in der Größe einer real-Filiale beherbergt. Zur Erinnerung: Wir sind in einer Kleinstadt auf einer abgelegenen Insel in einem Entwicklungsland. Highlight ist für mich eindeutig das Hägen Dasz Eisfach, auch wenn ich keine Ahnung habe, wer sich außer Touristen die Becher leisten kann. Vom Shopping Center zurück zum Hotel nehmen wir ein Motorradtaxi. Das sind umgedrehte Trikes, vorne zwei Räder, hinten eins. Auf der Vorderachse ist eine Sitzbank für zwei Personen, dahinter sitzt der Fahrer. Im Straßenverkehr muss er irgendwie zwischen den Schultern der Fahrgäste durchluken. Über die Fähre zu den Togian Islands, die wir heute Abend nehmen wollen, weiß niemand genaues. Sie fährt um sechs oder acht, wir sollten zum Ticketkauf aber schon um zwei da sein, vielleicht aber auch erst um drei oder vier. Wir sind sicherheitshalber um viertel nach zwei dort und warten erst einmal zwei Stunden, bis wir überhaupt Tickets kaufen können. Dabei lernen wir einen Backpacker aus der nordostbayrischen Stadt Bayreuth kennen, der zusammen mit seiner Freundin für einige Wochen Urlaub in Indonesien macht. Um fünf betreten wir die Fähre und liegen noch drei weitere Stunden im Hafen vor Anker, bis wir um acht Uhr abends endlich losfahren. Daniel, Jentol und wir beide haben Tickets für die Schlafklasse (sprich Matratzen auf dem Boden), Thorsten und Jessica eine Privatkabine (Thorsten hat in dieser Nacht allerdings auch Geburtstag). Ich sitze bis elf mit Eva und ihren Geschenken von den Holländern, einem Bier und einer schön verpackten Zigarettenschachtel mit Happy Birthday Fähnchen darin, auf dem offenen Deck. Als sie ins Bett geht, sind nur noch ein angetrunkener Daniel und ein Österreicher übrig, der allerdings ebenfalls nach kurzer Zeit verschwindet. In seiner redseligen Stimmung erfahre ich von Daniel vieles über seine Beziehung sowie Drogen, die ich mir nicht entgehen lassen sollte und trinke dabei noch weitere zwei oder drei Dosen Bier mit ihm, bevor wir beide ebenfalls zu Bett gehen (was besonders bei ihm angesichts des schwankenden Schiffs und der steilen Treppe eine beachtliche koordinatorische Leistung darstellt).