Freitag, 9. Mai 2014

Runter

208. 5./6./7.05.2014

Die wohl letzte spektakuläre Etappe führt von Muktinath ins 1000 Höhenmeter tiefer auf 2800m gelegene Kagbeni, nach einhelliger Meinung der Travellergemeinde das schönste Dörfchen des Circuits. Die ausgestorbene Mondlandschaft auf dem Weg ist jedenfalls absolut gehenswert (ich bitte das schlechte Wortspiel zu entschuldigen). Zum ersten Mal kommen wir dazu, uns während des Laufens zu unterhalten. Beim Aufstieg war man außer Atem, getrennt, lief hintereinander oder alles zusammen. Hauptthema wird schnell Essen. Es stimmt tatsächlich, wenn das Heimweh kommt, dann in Form einer unerreichbaren Mahlzeit. Typisch deutsch sind die wenigsten, aber eben typisch zu Hause. Der Apfelkuchen hier steht unserem immerhin in nichts nach und kann so etwas trösten. Kagbeni liegt wie eine grüne Insel im Meer aus Staub und Steinen. Alle Vorhaben bis Jomsom, der Distrikthauptstadt, weiterzugehen, werden von der Lodge, die eigentlich zur Mittagspause gedacht war, im Keim erstickt. Billig, warm (bis auf die Dusche, es ist zum Heulen) und unsere Circuitbekanntschaften Danny, Magdalena und Hugo beherbergend fällt uns die Entscheidung leicht. Bei den drei handelt es sich um einen beinahe satirisch stereotypen Amerikaner (awesome!), eine angehende Lehrerin aus Deutschland, die seit Kathmandu gemeinsam mit ihm unterwegs ist und einen unglaublich charmanten Franzosen, der selbst schlechte Smalltalkwitzchen lustig erzählt.
Ganz aufs Laufen verzichten können wir für den restlichen Tag dann doch nicht. Im mehrere hundert Meter breiten Flusstal gehen wir zum nächsten kleinen Dorf. Das "windy valley", in dem wir von nun an gen Pokhara laufen bzw. fahren werden, trägt seinen Namen nicht zu Unrecht. Ab Mittag weht einem ein Sturm entgegen, der neben Staub auch den Schweiß ins Gesicht treibt, da man talabwärts permanent dagegen anläuft. Das Dorf, so klein, dass ich seinen Namen vergessen habe, liegt direkt am Fluss und wird vom Wind durchpfiffen. Kaum jemand ist auf der Straße, die Szenerie ist gespenstisch. Die traditionelle Architektur dagegen ist beeindruckend, Straßen sind für die Kanalisation unterhöhlt und teilweise eingetunnelt, um das Dorf kompakter bauen zu können. All das mit nicht viel mehr als Steinen, Holzscheiten und Schieferplatten!
Vor einem Haus verspricht ein Schild Tee. Das Innere wirkt nicht so, als hätte es in den letzten Jahren Gäste gesehen, aber nach etwas Geklopfe und "Namaste"-Rufen erscheint jemand. Die Auswahl ist eingeschränkt, doch der Milk Tea ist der beste seit Beginn des Trekkings.

Der nächste Tag wird zu einer Geduldsprobe. Mag es in den ersten Stunden noch reizvoll erscheinen, in einem ausgetrockneten Flussbett zu wandern, wird es spätestens mit Einsetzen des Gegenwindes anstrengend. Trotz der mittlerweile gemäßigten Höhe wächst weit und breit nicht mehr als ein paar Sträucher. Jomsom ist eine etwas schäbige, aber nette Kleinstadt mit einem der unzuverlässigsten Flughäfen der Welt. Wir machen Mittagspause und beschließen, noch zwei Stunden ins schönere Marpha weiterzulaufen. Der Weg ist genauso eintönig und von Gegenwind geprägt wie zuvor, doch Marpha markiert einen Wendepunkt. Urplötzlich scheint die Flora aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht, das Dorf markiert die Grenze zwischen Braun und Grün. Hier treffen wir erneut auf unseren vierbeinigen Freund, der herrenlos den gesamten Circuit auf der Suche nach spendablen Trekkern zu durchkämmen scheint. Ich kann mir nicht vorstellen, wie ein Hund freiwillig und alleine einen 5416m hohen Pass überqueren kann, aber dieser scheint ein echter Bergsteiger zu sein.
Erneut finden wir eine günstige, saubere Lodge (sogar mit schnellem Internet), die selbst Lassis auf ihrer Karte listet. Zum Verhängnis wird uns (eigentlich Eva und mir - Leo bleibt vernünftig) aber ein anderes Getränk. Als Zentrum des Apfelanbaus bekommt man in Marpha alles, was man aus den Früchten herstellen kann. Darunter auch Cidre. Nur hat der hier einen geschätzten Alkoholgehalt zwischen 15 und 20 Prozent und die Schärfe eines Obstlikörs. Da er jedoch trotzdem schmeckt und offensichtlich zu guter Stimmung beiträgt, werden es drei Saftgläser für jeden. Und dann ist da ja noch der selbstgebrannte Apfelbrandy... Jedenfalls schaffen es alle unbeschadet, wenn auch nicht autonom, die Treppe hinauf und bis in den jeweiligen Schlafsack.
Ohne Kater, nur ein wenig schwerfällig, beginnen wir den nächsten Tag, an dem wir ziemlich genau nichts machen. Selbst wenn wir weiterwollten, wir könnten nicht, weil Jeep- und Busfahrer streiken. Zu Fuß ist nicht wirklich eine Option, da der Weg im Tal nicht schöner wird. So verbringen wir den Tag mit der Planung der Weiterreise, einigen Blogeinträgen, dem Durchsehen der geschossenen Fotos sowie simplem Nichtstun. Keiner weiß genau, wie lange der Streik noch andauern wird, im schlimmsten Fall müssten wir bis Ghasa laufen und von dort ein Taxi nehmen, was ein bis zwei weitere Tage in Anspruch nehmen würde.

Base Camp

204. 29.04.2014

In etwa fünf Laufstunden erreichen wir Manang, größtes Dorf des Tals und eine Art Basislager für die höheren Trekkingrouten. Unser Pfad ist ein Schotterband, dass durch die lichter werdenden Pinienwälder führt. Obwohl weit nördlich des Äquators, liegt die Baumgrenze in diesem Teil des Himalaya erst bei ca. 4000m. Die Aussicht steigert sich weiterhin, auch wenn man das kaum für möglich hält, und die schneebedeckten Berge kommen immer näher. Morgen wird sich dann entscheiden, ob wir eine 6000er Besteigung wagen (können) oder stattdessen einen Side-Trek zum Tilicho Lake, einem der höchsten Gletscherseen der Erde, unternehmen.

PS: Yak schmeckt wie Rind. Nachdem es hier überall als Special angepriesen wird, mussten die Nichtvegetarier unter uns mal einen Burger probieren.

Höhe gewinnen

203. 28.04.2014

Wir schaffen es tatsächlich, eine Tagesetappe nach Plan zu laufen. Bei den immer atemberaubender werdenden Ausblicken fällt das gar nicht so schwer. Wenn Berge in den Alpen beeindruckend sind, sind diese hier unwirklich. Zu hoch, zu weiß, zu erhaben, um ganz von dieser Welt zu sein, thronen sie hinter bewaldeten Hügeln wie fotomontiert. Man bezweifelt, dass Menschen aus eigener Kraft diese Giganten erklimmen können.
Wir, bequeme 5000m tiefer, laufen bis nach Upper Pisang auf etwa 3300m, wobei die Landschaft heute endgültig von subtropisch zu alpin wechselt. Zuerst durchwandern wir Pinienwälder, später lichten sich diese und schaffen Platz für karge Wiesen, Gestrüpp und Thymian, dessen Geruch über allem zu liegen scheint. Unsere Lodge in Upper Pisang, malerisch gelegen an einer Bergflanke mit Blick auf die Annapurna, trägt ebenfalls dazu bei, dass der heutige Tag wohl das Highlight der bisherigen Tour war (und mit Pommes habe ich das erste Gericht gefunden, dass in den Lodges genauso gut schmeckt wie im Tal - auch wenn es in vielerlei Hinsicht sicherlich bessere Nahrung gäbe).

Organisationskram und Spaziergang

205. 30.04.2014

Aus Akklimatisationsgründen wird empfohlen, in Manang einen Ruhetag einzulegen. Genau das machen wir, wenn auch nicht ausschließlich deswegen. Manang ist nämlich auch der letzte Ort mit Internet auf absehbare Zeit, und da wir die Buchung unserer Weiterflüge in Kathmandu verschusselt haben, müssen wir das eben in einem kleinen Dorf im Himalaya machen. Nach etwa drei Stunden am PC, die uns 20€ kosten, ist nicht nur der Flug von Kathmandu nach Singapur gebucht, sondern sogar meine Heimreise. Aber da möchte ich nicht zu viel verraten. Außerdem steht die Dhampus Peak Entscheidung an. Obwohl uns Tembas am Telefon sein ok gibt, entscheiden wir uns schließlich dagegen. Ich bin hin- und hergerissen, Leo und Eva stehen der Besteigung kritisch gegenüber (Kälte, Kosten, Chancen...). Mich überzeugt, dass der Dhampus eigentlich nur eine (überteuerte) Notlösung wäre, während interessantere 6000er wie Island oder Meru Peak wegen unserer mangelnden Klettererfahrung außen vor bleiben.
Ein bisschen Wandern können wir uns dann doch nicht verkneifen. Ein eineinhalbstündiger Spaziergang führt von Manang zu einem Gletschersee und einem erhöhten Plateau, von dem aus man wunderbar das Tal überblicken kann. Damit haben wir außerdem noch eine Vorakklimatisation für den Tilicho Lake, den wir nun, wo die Gipfelbesteigung hinfällig ist, auf jeden Fall ansehen werden. Begleiten wird uns dabei Joseph, ein 19-jähriger Schotte, dessen Gruppe sich dem leichter zugänglichen Ice Lake zugewandt hat, nachdem bekannt wurde, dass der Tilicho Lake auf 4920m dieses Jahr noch komplett zugefroren sein soll.

Sonntag, 27. April 2014

(Ent)Spannung

202. 27.04.2014

Unsere Version von "es ruhiger angehen lassen" beinhaltet lediglich eineinhalb empfohlene Tagesetappen. Diese sind mit Laufzeiten von drei bis fünf Stunden aber tatsächlich kurz. Uns scheint jedenfalls eine langweilige Straßenetappe zum Höhe gewinnen bevorzustehen. Bis ich auf der Karte eine fein gestrichelte schwarze Linie weiter unten im Flusstal entdecke. Die stellt sich als alter Fußpfad heraus, leider mit steilen Geröllfeldern durchsetzt und deshalb langwierig. Doch die Anstrengung lohnt, mitten im Nirgendwo führt der Weg hinter einem riesigen Wasserfall vorbei, der noch 50 weitere Meter gen Tal stürzt. Die ganze Szenerie gehört nur uns, weit und breit sind keine anderen Menschen.
Nachteil dieser Einsamkeit ist die halbstündige Klettereinlage, die wir benötigen, um wieder auf die Straße zu kommen. Von da an ist der Weg zwar kaum spektakulär, aber wir fitter denn je, und sei es nur wegen des Adrenalins. Um vier erreichen wir, mittlerweile im Regen, Chame, die erste größere Ansiedlung seit Beginn des Treks. Während sich die Lodges meistens bis ins kleinste Detail (Zimmerausstattung, Speisekarte, Preise) gleichen, gibt es hier immerhin einen unter- bzw. entscheidenden Faktor: Internet. Die Annapurnaregion ist auf meiner gesamten, an wenig entwickelten Gebieten nicht gerade armen Reise bisher das erste, in dem nicht auf jedem dritten Gebäude ein Mobilfunkmast steht und man wirklich noch weit weg vom Rest der Welt ist. Andererseits sind Eltern und Verwandte natürlich gerade hier besonders besorgt und erwarten regelmäßigen Rapport.

Schon besser

201. 26.04.2014

Nach einem beinahe aufgegessenen Müsli führt der Weg heute ziemlich steil und mit vielen Höhen und Tiefen bis nach Karte, mehr Häuseransammlung als Dorf, auf 1850m. Das Schöne an der perfekten Wandererinfrastruktur am Annapurna Circuit ist, dass man alle 40 Minuten an einen kleinen Hotel oder Dorf vorbeikommt, wo man essen und übernachten kann. Man braucht sich also nie vorher Gedanken darüber machen, wie weit man am nächsten Tag laufen will.
Die Landschaft verändert sich langsam, die Wälder werden weniger, dafür gibt es nun Farne und Bambus, außerdem Palmen(?) und Cannabis. Wie gewohnt übernehme ich mich beim Abendessen kräftig, da ich kurz vor meiner endgültigen Gesundung jedes Mal ein heftiges Hungergefühl habe, bis mir die ersten Bissen klar machen, dass mein Magen noch auf Sparflamme arbeitet.

Einstieg mit Hürden

200. 25.04.2014

Ich erwache eine halbe Stunde vor der Weckzeit mit grummelndem Magen. Es gibt wohl kaum einen besseren Zeitpunkt zum krank werden, als während eines Treks. Zum Frühstück kriege ich gerade so einen Tee und ein paar Stücke Apfel runter. Man sollte meinen, dass in diesem Fall ein Ruhetag angebracht wäre. Doch ich bin überzeugt, meinem Körper durch eine fünfstündige Wanderung mitteilen zu können, dass er die Krankheit auf passendere Zeiten verschieben soll. So quäle ich mich - anders kann man es nicht sagen - von Bulbule bis Ghermu, wobei auf den letzten Kilometern erst mir und dann auch Leo und Eva die Frage kommt, ob die Idee wirklich so gut war. Halbtot angekommen, sieht die Sache nach einer Cola und zwei Stunden Schlaf schon ganz anders aus. Ich bin sogar noch motiviert genug, bis hinunter zum Fluss nach Syange zu laufen, wo ein riesiger Wasserfall Evas Aufmerksamkeit auf sich zieht. Enttäuscht muss sie aber feststellen, dass das zugehörige Becken zum Baden sogar für sie zu lebensgefährlich ist.
Beim Abendessen schaffe ich immerhin wieder eine Suppe. Von wegen Bettruhe.