Dienstag, 7. Januar 2014

Nachtrag 2. Januar

Tja, da habe ich wohl vergessen, einen Eintrag zu veröffentlichen. Dabei ist gerade der 2. Januar ein Schlüsseltag zum Verständnis meiner Persönlichkeit. Klar, dass er nachgereicht werden muss.

92. 2.1.2014

Ich toppe meinen Rekord im Spätaufstehen, das neue Hotel verlasse ich nicht vor 13 Uhr. Auf der Suche nach Frühstück ohne scharfe Kokoscrememischungen finde ich einen Laden mit einer riesigen Auswahl an indischen Süßigkeiten. Betonung auf süß. Mit genug schnellen Kohlenhydraten für eine Woche suche ich das letzte verbliebene Ziel aus dem Reiseführer in Chennai auf, eine Pilgerstätte etwas außerhalb, ausnahmsweise christlich. Lebensgroß nachgebaute Szenen aus dem Leben Jesu heißen die Gäste willkommen. Die Kirche ist auf einer Höhle gebaut in der der heilige Thomas einst gelebt haben soll (bis er von einem Brahmanen erstochen wurde). Unverkennbar sind die hinduistischen Züge der Anlage, was ihren Stil betrifft. Aber hier wirken die vielen Farben und plastischen Darstellungen nicht natürlich, sondern aufgesetzt.
Auf dem Rückweg schaue ich mir noch den Guindy Nationalpark an, der so sehr ein Nationalpark ist wie der Nürnberger Zoo. Die Tiere schauen alle ziemlich unglücklich und ihre Haltung alles andere als artgerecht aus. Aber zumindest die indischen Familien sind begeistert und fotografieren sich fleißig vor jedem sich bietenden Tier (im Notfall tut es auch ein Baum). Anstatt mit dem Zug zurück in die Innenstadt zu fahren, treffe ich mit einem aufdringlichen Rikshafahrer eine Abmachung. Ich gehe in zwei Läden, die ihm Komission für jeden angeschleppten Touri zahlen, dafür fährt er mich umsonst.
Am Abend ist Kino angesagt. Eigentlich wollte ich mir ja einen Bollywoodstreifen ansehen, aber nachdem ich die Bewertungen zum zweiten Teil der Panem Trilogie gesehen habe, habe ich das auf wann anders verschoben. Falls jemand wert auf meine Meinung legt: Sehenswert!

Montag, 6. Januar 2014

Leichen im Keller

95. 5.1.2014

100 Tage! So lange ist es nun her dass ich deutschen Boden verlassen habe. Zum Jubiläum gehe ich europäisch frühstücken in der German Bakery und daraufhin zu den riesigen Tempelanlagen, die Mahabalipuram überhaupt erst zu einem Touristenziel gemacht haben. Ganze Tempel inklusive Verzierungen sind aus dem Stein herausgemeißelt worden. Der Ort gilt folgloch auch als das Zentrum der Steinmetze in Indien. Die Kunstwerke, die sie für Touristen aus dem Speckstein meißeln, lassen selbst mich beinahe zum Souvenirkäufer werden. Sich hier in Beschreibungen zu ergehen bringt nichts, ich hänge lieber mal ein paar Bilder an.
Abends noch ein bisschen Kultur, denn jeden Januar findet in Mahabalipuram ein dreiwöchiges Festival mit traditioneller Musik und Tanz statt, dass sowohl von Touristen als auch Einheimischen besucht wird. Zu Trommelrhythmen tanzen Männergruppen in einer Art, die bei uns die Frage nach der sexuellen Orientierung aufwerfen würde. Aber da Homosexualität hier gesellschaftlich nicht existiert (man hat nichts gegen Schwule, man redet einfach nie darüber), macht das nichts.
Später lande ich im Restaurant vom Vortag, wo mir der Besitzer erzählt, dass der Holländer mit dem ich gestern am Tisch saß hier schon seit längerem festsitze, weil er vor zwei Jahren seine Frau ermordet hat und mit Mühe (und viel Geld) in Indien wieder aus dem Knast kam. Bei einem Ausreiseversuch würde er aber genau dort wieder landen. Eine Suche mit Google News bestätigt die Geschichte. Als er kurz darauf aufkreuzt, beobachte ich ihn natürlich besonders genau. Natürlich fällt mir nichts merkwürdiges auf, nicht mehr als am Vortag zumindest, aber dieser Zwang, nochmal selbst nachzuprüfen, dass einem so etwas unmöglich auffallen könnte, ist wohl ein menschliches Bedürfnis. Dann gehe ich auch relativ schnell, abgesehen davon, dass er ein Mörder ist, ist er nämlich auch ziemlich anstrengend und verlangt von allen volle, ihm zugewandte Aufmerksamkeit.
Außerdem habe ich tatsächlich etwas besseres zu tun: Ich muss ich mit ein paar Freunden in Deutschland skypen, die mich ab Ende Februar begleiten könnten.

Sonntag, 5. Januar 2014

Onseroad agän

94. 4.1.2014

Die Nacht war zu kurz, denn da ich am Vortag mit Nicolas (Konrads Zimmerkamerad) ausgemacht habe, dass wir um 10 gemeinsam nach Mahabalipuram fahren, muss ich um 9 Uhr aufstehen. Beim Versuch zum Taj Coromandel zu kommen ergeben sich Probleme aus der Verhandlungsmentalität der Inder im Gegensatz zu der der Kenianer. Dort konnte man, war der Preis nach Abschluss des Wortgefechts noch immer entschieden zu hoch, einfach weggehen und dadurch weitere 10 - 20% herausschlagen. Hier gilt der abgesprochene Preis, wer danach weggeht, um den wird sich gar nicht erst geschert. Das hat zur Folge, dass der eigene Startpreis noch niedriger angesetzt werden muss um ein hinnehmbares Ergebnis zu erlangen. Verhandeln ist eine Wissenschaft für sich.
Die Busfahrt verschlafe ich und verpasse so leider den Stadt-Land Übergang. Nachdem ich am Ortseingang abgesetzt werde unternehme ich eine Odysee durch die unzähligen Guesthouses die sich im Ort aneinanderreihen. Obwohl extrem touristisch, hat Mahabalipuram eine angenehme Atmosphäre. Nachdem ich ein vernünftiges Zimmer gefunden habe, geht es endlich mal nicht nur an den Strand, sondern tatsächlich ins Meer, wo man von meterhohen Wellen und Plastiktüten überschwemmt wird. Dort treffe ich auf eine Kanadierin, die seit Jahren durch Südasien reist und alleine in Indien schon 11 Monate verbracht hat. Mit ihr und einem Holländer, der Diamanten (niemals aus Afrika, darauf legt er Wert) selbstständig mit beträchtlichen Gewinnspannen nach Europa exportiert esse ich dann auch zu Abend. Beide haben interessante Lebensgeschichten. Er war in seinem Leben bereits Millionär und hätte wohl auch jetzt das Handwerkszeug dazu, lebt aber vergleichsweise bescheiden und arbeitet dafür kaum. Sie hat mit Mitte zwanzig (beide sind jenseits der dreißig) festgestellt, dass das 9 to 5 langweilig ist und ist seitdem abwechselnd Englischlehrerin und reist. In Kanada lässt sie sich nur alle paar Jahre blicken. Ich bin ziemlich beeindruckt, aber nicht einer Meinung mit ihnen. Beide meinen nämlich, ein normales Leben mit festem Wohnsitz und Anstellung sei grundsätzlich Blödsinn.

Erste Eindrücke

Indien ist eindeutig ein Fotoland. Selbst die hässlichen Seiten wie Slums und Müllberge sind noch exotisch, dass sie als Bild faszinieren. Von all den Tempelmotiven und bunten Menschenmassen ganz zu schweigen...

Samstag, 4. Januar 2014

Diskussionsstoff

93. 3.1.2014

Mit einem sehr ausgedehnten Frühstück starte ich diesen gänzlich ereignislosen Tag. Interessant wird es erst, als dieser in den Abend übergeht, denn heute ist das Finale der Debattierweltmeisterschaft. Nach einem Blick hinter die Kulissen wundert man sich, dass es so glatt über, bzw. überhaupt über die Bühne geht. Deutschland, genauer gesagt Berlin, gewinnt die Debatte in der ESL Klasse, welche die zweithöchste und für den Normaldeutschen die maximal erreichbare Liga darstellt (SL = secondary language). In der Königsklasse EP(roficient)L degradiert Harvard die Konkurrenz, sicherlich auch weil das Thema der Debatte "Indien sollte seine Wirtschaft einer radikalen Liberalisierung unterziehen" in ihr Fachgebiet fällt. Wer ein Lehrstück in Sachen freie Rede sehen will, sollte sich die beiden auf YouTube ansehen (ich gehe davon aus, dass die Aufnahmen wie letztes Jahr veröffentlicht werden). Dann gibt es Buffet und erneut Freibier, man lernt mal wieder Leute aus allen möglichen Ländern kennen (Russland, Polen, Indien, Simbabwe, USA) und schließlich reisen die ersten ab. Ich gehe in die Hotelbar, wo Konrad seiner neu entdeckten Leidenschaft als Barkeeper nachgehen darf und probiere den Gin-Basilikum Drink von dem er mir seit Wochen vorschwärmt für läppische 6€. Mit von der Partie sind Markus (den Konrad ebenfalls von der Kreation überzeugen konnte) und Verena, beide aus Deutschland und in der Organisation als Moderator und Motivator(in) tätig sowie mitverantwortlich dafür, dass die Veranstaltung nicht im Chaos versunken ist. Irgendwann gegen zwei fahre ich nach zähen Verhandlungen mit dem Rikshafahrer zu meinem Hotel.

Mittwoch, 1. Januar 2014

Silvester

91. 31.12.2013 / 1.1.2014

Wie sich das für ein vernünftiges Silvester gehört gehen die zwei Tage fließend ineinander über. Den letzten Tag des Jahres 2013 verbringe ich fast ausschließlich mit dem Versuch an bestimmte Alben und Lieder zu kommen, weil das Wlan der Unterkunft mal funktioniert. Ein bisschen lesen und packen und schon ist es sieben und ich fahre zur Express Avenue Shopping Mall. Nachdem ich bestürzt festgestellt habe, dass ich überhaupt keine guten Vorsätze habe, habe ich mich dazu entschlossen, die nächsten 2 Monate mal wieder vegetarisch zu leben, weil die gesamte südindische Küche sowieso fast fleischlos ist. Also muss ich an diesem nochmal zulangen und gehe zu PizzaHut. Etwas später, so gegen halb zehn, mache ich mich auf zum Taj Coromandel, wo die Silvesterparty der WUDC stattfindet. In einer großen Halle beginnt der Abend um halb elf mit Smalltalk an Stehtischen, entwickelt sich bis zwölf zu einer handfesten Party und endet um zwei. Indische Nachtclubs schließen zur selben Zeit und dass Neujahr ist scheint sie dabei nicht zu stören. Viele der Studenten umso mehr und so gibt es einige Hotelzimmerpartys auf diversen Etagen. So viele Nationalitäten an einem Abend habe ich noch nie kennengelernt. Smalltalk mit einem Ami, dann plötzlich auf Deutsch, tanzen mit einer Inderin, daraufhin lerne ich ein HongKong-Chinesen kennen, kurz danach eine Bangladescherin, bevor ich in einem Zimmer mit kiffenden Indern sitze und einer Pakistanerin das Studium in Berlin erläutere und mich mit einem deutschen Unternehmensberater und einem irischen Banker über die unterschiedlichen Philosophien hinter den jeweiligen juristischen Systemen austausche. Zum Morgengrauen entdecken wir, dass der Pool bereits geöffnet ist (oder zumindest benutzt wird) und gesellen uns zu den Badegästen. Um sieben beginnt das Frühstück und kurz darauf bin ich zurück in meiner Unterkunft. Es war eine echt komische Situation mit Elitestudenten geheime Zimmerpartys zu feiern als wären wir gerade 14 und auf Sommerausflug in einer Jugendherberge. Und obwohl mir gesagt wurde, dass sich durchaus arrogante Schnösel unter den Teilnehmern befinden, hatte ich das Glück nur auf sympathische, auf dem Boden gebliebene Studenten bzw. Berufsanfänger zu treffen.
Dummerweise habe ich den Check-Out auf den 1. Januar gelegt, kann also nur drei Stunden schlafen, bevor ich packen und umziehen muss. Das neue Hotel ist nicht einmal besser, aber kostet nur 50% des bisherigen und liegt im Zentrum. Dort angekommen setze ich meinen Schlaf ohne Umschweife fort. Um halb sechs abends treffe ich mich schließlich mit Ravi, der mich zu Freunden mitnimmt. Ravi spielt auf dem Klavier vor und wir gehen gemeinsam essen. Die Familie die wir besuchen würde ich fast schon zur Oberschicht zählen, zumal sie enorm gut Englisch sprechen. Am besten spricht lustigerweise die Großmutter, bei der man keinerlei indischen Akzent vernimmt. Nach dem Essen fahren Ravi und ich heim und der unterbrochene Dauerschlaf wird über Nacht fortgesetzt.

Zeit totschlagen

89. 29.12.2013

Der Tag beginnt beschissen. Um die Ecke ist eine Kirche, die anscheinend kein Geld für Glocken hat und deswegen stündlich an polyphone Klingeltöne erinnernde Kakophonien zu jeder spielt. Darauf folgt die Anzahl der vollen Stunden, akustisch dargestellt durch einen Sirenenalarmton, sowie ein frommer Spruch. Normalerweise geht das erst später los, aber heute ist Sonntag. Außerdem ruft mich um acht ein freudig erregter Rezeptionist an, denn - alle Achtung - warmes Wasser steht zur Verfügung. Als ich um halb zehn Duschen will muss es wohl ausgelaufen, abgekühlt oder sonstwie abhanden gekommen sein. Sicherlich fragt sich der ein oder andere, warum mich diese Menschen noch nicht zur Weißglut oder gar Heimkehr gebracht haben. Es lässt sich schwer beschreiben, aber hier kriegt man, im Gegensatz zu mancher Situation in Kenia oder Tansania, nie das Gefühl komplett verarscht zu werden. Die Leute machen eher einen unvermögenden als betrügerischen Eindruck und wenn sie einem helfen können, tun sie es auch.
Mein Programm bestand eigentlich darin, mich von einem Jain, dessen für Europäer komplizierten Namen ich vergessen habe und den ich am Vortag kennen gelernt hatte, abholen zu lassen und etwas mit seinem Freundeskreis zu unternehmen. Leider meldet er sich bis in die frühen Abendstunden nicht, sodass ich mal wieder selbst die Initiative ergreifen muss und zum Nationalmuseum Tamil Nadus (der Bundesstaat, in dem ich mich befinde) aufbreche.
Während der Großteil der Ausstellungen die üblichen ausgestopften Tiere, Skelette und ärcheologischen Fundstücke sind, gibt es eine wirklich interessante Halle über traditionelle und vor allem moderne indische Kunst. Die Bilder sind fast ausschließlich an fremde Kunststile angelehnt, Erbe der verschiedenen Besetzungen durch Araber und Europäer. Nichtsdestotrotz gibt es einige sehr einfallsreiche Bilder, insbesondere, wenn die Maler auf mythologische Motive aus dem Hinduismus zurückgreifen.
Nach einem Intermezzo, seit dem mich eine halbe Schulklasse in Deutschland besuchen kommen will (es begann, wie so häufig, mit der Bitte um ein gemeinsames Bild), gehe ich shoppen. Zwangsweise, denn zwei meiner T-Shirts haben ihre beste Zeit hinter sich. Die westlichen Kleidermarken sind hier zwar günstiger, aber kosten natürlich noch ein Vielfaches heimischer Textilien. Aber ich bin nunmal ein Kind der Einkaufszentren, H&Ms und Jack & Jones und gebe letztlich für Vertrautes lieber ein bisschen mehr aus.
Das Abendprogramm gestaltet sich weit besser als erwartet, ich esse mit Konrad und Nicolas, einem weiteren Volunteer bei der WUDC (World University Debate Championship) in deren chinesischem Hotelrestaurant zu deutschen Preisen. Oder etwas mehr, hat jedenfalls göttlich geschmeckt. Man sollte meinen, dass ein Luxushotel in einer indischen Großstadt fremdartig wirken muss, aber das tut es gar nicht. Die Kontraste sind so allgegenwärtig, dass es sich gut in mein bisheriges Indienbild einfügt, wenn zwischen Gestank, Hägen Dasz Eisdielen und hungernden Obdachlosen eine Burg mit Zimmerpreisen ab 100€ steht.

Auf den Bildern sieht man das Lieblingshobby der neuen indischen Mittelschicht - sich gegenseitig vor irhendwas fotografieren. Alle drei Bilder sind innerhalb von 10 Minuten in einem Shoppingcenter zustande gekommen.