Freitag, 28. Februar 2014

Wie Wüste

146. 26.2.2014

Das beste an den Backpackerhochburgen ist das Frühstück. Alle Restaurants haben Set Breakfasts, d.h. für etwa 2€ kriegt man einen Kaffee, Bratkartoffeln, Omelette und Toast mit Marmelade. Gerade genug für den Tag, denn Hampi ist erstens groß und hat zweitens ein ziemlich unansprechendes Klima. Bei 35ºC und ohne Bäume fällt es mitunter schwer, den beeindruckenden historischen Gebäuden und Ruinen gebührenden Respekt zu zollen. Jeder Sitzplatz lädt zu einem Nickerchen ein und nach einem halben Tag ist die 2L Flasche Wasser leer. Wir sehen überdimensionierte Steinkühe, Unmengen an Säulen und Ornamenten und natürlich Tempel, Tempel, Tempel. Da lasse ich lieber Bilder sprechen, irgendwann, versteht sich.
Gegen halb vier, man bekommt langsam eine Ahnung davon, dass es noch Temperaturen unter 30 Grad geben könnte, beschließen wir, dadurch motiviert, den angrenzenden Fluss zu überqueren und auf der Gegenseite zurückzulaufen. Nicht auf der Straße, das könnte jeder, nein, am schilfüberwucherten, steinigen Ufer. Ich versichere mich mehrmals bei Socke, dass sie diese Schnapsidee mit ihrem angeschlagenen Fuß mitzutragen bereit ist. Sie ist es. Nach einer einstündigen Klettertour finden wir zum ersten Mal einen Weg, der uns nach kurzer Zeit auf eine Teerstraße führt. Eigentlich wollen wir beide nur noch nach Hause, doch dann kommen wir an einem Berg vorbei, an dessen Flanke sich eine weiße Treppe geschätzte 150hm durch den Stein hochschlängelt. Wir erfahren, dass es sich dabei um den Aufgang zu einem Tempel handelt, den man unbedingt und insbesondere jetzt, wo die Sonne untergeht, gesehen haben sollte. Gesagt bekommen, getan, aber bis zum Sonnenuntergang halten wir es trotz des genialen Ausblicks nicht aus, wir haben nämlich seit dem Frühstück nichts gegessen. Eine kurze, nervige Verhandlung mit den örtlichen Rikshafahrern und wir befinden uns schließlich fast wieder bei unserer Unterkunft (da der Fahrer den ausgehandelten Preis bei genauerem Nachdenken wohl als unter seiner Würde erachtete, hat er uns 1km vor dem ausgemachten Zielort ausgesetzt.).

Mittwoch, 26. Februar 2014

Bustag

145. 25.2.2014

Ein letztes Mal können wir bei dem indischen Restaurant in Panjims Altstadt frühstücken (Banana-Dosa mit gesüßtem Joghurt, tolle Idee!), bevor wir um 9:30 Uhr den Bus ins 330km entfernte Hospet nehmen. Unser Sitznachbar, der uns eine Ankunftszeit zwischen 17 und 18 Uhr prophezeit, soll nicht Recht behalten. Nach über zehn Stunden, um acht Uhr abends und mit schmerzenden Leisten, erreichen wir schließlich Hospet. Dort buchen wir direkt den Anschluss nach Hyderabad, diesmal allerdings die Luxusvariante, einen klimatisierten Schlafbus. Ganz durch sind wir damit noch nicht mit den Bussen, es sind nämlich nochmal 13km nach Hampi und trotz der verlockenden Angebote einiger Rikshafahrer, die Touris aus Hampi zur Busstation gebracht haben und ohne uns eine Leerfahrt hätten, bleiben wir konsequent. Der Local Bus nach Hampi ist das womöglich absurdeste Transportmittel, dass ich bisher sehen durfte. Mit Goldfarbe bemalte Sperrholzplatten und aus ihnen geschnitzte Ornamente bedecken die Wände, zur Fahrerzelle hin gipfelt das in zwei vergoldeten ionischen Säulen, die gleichsam einen Torbogen zum Eintritt in die Welt des Busfahrers darstellen. Dem stehen die breiten, großzügig gepolsterten Sitze mit Armlehne in nichts nach. Da aber indische Busse im Normalfall, zumindest die für die Kurzstrecke, nicht losfahren wenn sie voll sind, sondern wenn sich darin keiner mehr bewegen kann, erscheint auch diese Idee fehl am Platz. Im Endeffekt sitzen auf zwei Sitzen dann eben drei Leute oder eine Familie (Kinder sind schmal). Vor Abfahrt ist der Bus jedoch noch ziemlich leer, was ein junger Inder zum Anlass nimmt, uns, also Socke, näher kennen zu lernen. Seine Dreistigkeit verblüfft uns beide, normalerweise bleiben Inder auf Abstand, wenn ein anderer Mann dabei ist. Dieser hier betatscht dagegen recht ungeniert Sockes Knie, während er die üblichen belanglosen Fragen stellt. Immerhin verzieht er sich nach einem "Can you leave?!" genauso umstandslos, wie er gekommen war (nicht, ohne beim Abschied der Schönheitsprinzessin mit dem atemberaubend bleichen Teint neben mir extrafest und lange die Hand zu halten).
Dann erschallt die Hupe des Busses, was bedeutet, dass er demnächst losfahren wird. Plötzlich kommt Bewegung in den Innenraum. Dutzende Inder strömen herbei, von außen werden Trinkflaschen, Zeitungen oder Kinder durchs Fenster auf die zu reservierenden Sitze gelegt (beim Kampf um einen Sitzplatz kann man schon mal körperlich ausfällig werden, aber niemand würde es wagen, jemandem seinen durch ein Blatt Papier in Anspruch genommenen Sitz zu entreißen). Wir bekommen ein unnatürlich süßes Mädchen zwischen uns gesetzt. Die Kleine hätte jeden Hundewelpencontest gewonnen und als sie auch noch Wasser über mein Bein verschüttet und mit einem Handtuch zu trocknen versucht, hätte ich sie am liebsten mitgenommen (wäre nicht ins Gewicht gefallen). Zumindest ein gemeinsames Foto müsste es geben, da muss ich mich mal bei Socke erkundigen. Um neun sind wir schließlich in Hampi, die Unterkunftssuche klappt reibungslos, das Abendessen wegen der Uhrzeit nicht so ganz, aber ein paar Nudeln kriegen wir noch.

Montag, 24. Februar 2014

Unterwasserwelt

144. 24.2.2014

Mit all unserem Gepäck gehen Sheetal und ich zu Soniya und Ashwini, die ihr Zimmer für eine weitere Nacht gebucht haben, laden es dort ab und treffen Raj zum Frühstück. Danach fahren wir mit ein paar Russen und Indern wieder nach Netrani, wo wir auch am Vortag tauchen waren. Der erste Tauchgang verläuft bescheiden. Es gibt wenig zu sehen, meine Maske beschlägt andauernd und vor allem muss ich aufs Klo. "Dann mach doch einfach ins Meer" ist ein ziemlich bescheuerter Einwand, wenn man einen Neoprenanzug trägt. Wer das Prinzip von Neoprenanzügen kennt, versteht, dass das eine äußerst widerlicher Vorgang wäre.
Das zweite Mal entschädigt dafür absolut. Wir treiben an einem Steinriff mit Myriaden von Fischen entlang und ich finde mich inmitten eines riesigen Schwarms wieder. Dazu kommt das ständige Lob von Raj sowie das Gefühl der Kontrolle, dass ich mittlerweile unter Wasser habe. Alles in allem sicherlich eines der besten Erlebnisse auf dieser Reise. Zurück in Murdeshwar kommen Sheetal und ich dank der beiden anderen und ihrem überteuerten Hotel in den Genuss einer warmen Dusche. Da alle, auch Sheetal, in Pune leben, beschließe ich mental einen Zwischenstopp auf dem Weg nach Mumbai, den ich nur noch Socke verklickern muss. Eine Stadt, in der so viele junge, moderne Menschen Leben, muss sehenswert sein. Besonders Soniya ähnelt mit ihrer "Alles machen - Nichts verpassen - höher, schneller, weiter" Mentalität immens einer Freundin von mir, die sich gerade durch Kalkutta schlägt. Um ein zertifizierter Open Water Diver zu werden, muss allerdings noch eine finale Fähigkeit unter Beweis gestellt werden und das anscheinend überall auf der Welt (außer vielleicht in islamischen Ländern): Bier durch den Schnorchel trinken. Oder Fruchtsaft, für Abstinente. Sinn dieser Übung ist es, Dehydration zu simulieren, die auch beim Schlucken von zu viel Salzwasser auftreten kann.
Doch auch diesen letzten Test bestehen wir mit Bravour. Ein letztes gemeinsames Foto, bevor Sheetal und ich aufbrechen müssen. Sie fährt mit dem Nachtbus direkt nach Pune, ich nehme den Zug nach Margao. Die Rückfahrt ist ein perfektes Beispiel dafür, dass das vermeintliche Chaos hier auf den zweiten Blick hervorragend funktioniert. Der Zug kommt nur zehn Minuten zu spät an, noch auf dem Weg über den Bahnsteig verhandle ich mit einem Rollerfahrer über den Preis zum Busbahnhof, wo ich den Anschluss nach Panjim quasi im Abfahren erwische. Und das klappt meistens so. Der Unterschied ist, dass es eben keine absolute Planungssicherheit gibt. In Panjim holt mich Socke ab, die gerade vom dritten Inder in zehn Minuten bequatscht wird (obwohl sie nie etwas sagt, diese Jungs sind echte Improvisationstalente!). Es folgt ein spätes Abendessen und ein letztes Bier, ab morgen sind die Preise dafür wieder überhöht. Hätten die Portugiesen mal ganz Indien kolonialisiert...

In bester Gesellschaft

143. 23.2.2014

Umrundet von 30 starrenden Halbstarken (drei Frauen in hautengen Wetsuits und ein blonder Weißer) bereiten wir unsere Ausrüstung am Strand von Murdeshwar vor, um dann erst einmal eineinhalb Stunden samt selbiger im Boot zum Divespot zu tuckern. Eine weitere Stunde später (wir sind nicht der einzige Kurs), von mir ausführlich zum Schnorcheln genutzt, dürfen wir endlich. Wir sind Sheetal, Soniya, Ashwini und ich. Sie alle kommen aus Pune, der zweitgrößten Stadt Maharashtras nach Mumbai, die dieser in Sachen Hippness aber gerade den Rang abläuft.
Die Tauchgänge zu beschreiben fällt schwer. Zuerst einmal ist es irgendwie surreal, wenn man ein Leben lang darauf konditioniert war, dass einem unter der Wasseroberfläche früher oder später die Luft ausgehen wird. Das Gefühl der Schwerelosigkeit ist - sobald man den Auftrieb in den Griff gekriegt hat - phänomenal. Ganz zu Schweigen von den Annäherungsmöglichkeiten an die Tiere, wenn man dabei langsam und bedacht vorgehen kann (im Gegensatz zu Schnorcheln).
Erstaunlicherweise wird während unserer schwankenden Rückfahrt in einer Nussschale niemand seekrank. Zwei Stunden nack Rückkunft treffen wir uns im besten Restaurant der Stadt zum Abendessen. Erwartet habe ich leckeres Essen und netten Smalltalk über Deutschland und Indien, Leute und Klima. Tatsächlich entwickelt sich ein dreistündiges Gespräch über die indische Gesellschaft, Perspektiven und Konservativismus, wobei vor allem Soniyas und Ashwinis Sichten interessant sind. Sie wollen eben nicht einen für sie ausgewählten Mann in einer pompösen Zeremonie vor hunderten entfernten Bekannten und Verwandten heiraten. Gleichzeitig würden Inder/innen aber nie auf die Idee kommen, mit ihrer Familie zu brechen. Eine komplizierte Situation für diese Generation, zumal Ashwini Brahmanin ist, nach der Kastenlehre also zu den Priestern gehört, der wohl konservativsten Gesellschaftsschicht. Raj wirft eine Bombe nach der anderen (Gandhi ruined this country! ; Why should you give a fuck on your parents opinion? ; The waiters did a bad job, I won't tip them (Kellner in Hörweite).), trägt dadurch aber auch zum Fortgang der Diskussion bei, während Sheetal zurückhaltend ist. In unserem Guesthouse erzählt sie mir, dass sie es nicht mag, wenn Leute über Indien lästern, und das haben wir zwischenzeitlich eindeutig. Irgendwie kriege ich sie dann dich noch versöhnlich gestimmt, höchste Zeit auch, denn durch das lange Abendessen ist es mittlerweile halb zwölf und der Wecker ist auf sieben gestellt.

Samstag, 22. Februar 2014

Umzug

142. 22.2.2014

So schön es in Panjim war, heute ziehen wir weiter (Rückkehr nicht ausgeschlossen). Socke nach Palolem für zwei Tage Strand und Entspannung, ich nach Murdeshwar zum Tauchen. Zuerst aber werfen wir noch einen Blick in unser Viertel, dass eher mediterran als indisch ist. Am Vorabend auf der Dachterasse hätte ich jemandem ohne Weiteres geglaubt, dass wir uns im Mittelmeerraum aufhalten. Schmale Gässchen gesäumt von leicht verfallenen Häusern mit Charme, die sie umgebende Ruhe nur hin und wieder durchbrochen von einem knatternden Motorroller - tagsüber ist es abseits der Hauptstraße nicht anders, nur unmenschlich heiß.
Auf dem Weg zum Busbahnhof mit Rucksäcken, den wir noch gemeinsam bestreiten, überstreckt Socke irgendwie ihren Innenfuß. Dass es sehr schmerzhaft sein muss, merke ich schon daran, dass sie nicht anfängt zu lachen, denn Socke lacht sonst immer, wenn ihr etwas zustößt. Kurz später kann sie entwarnen, kein Band ist gerissen, nur überdehnt. In Margao muss ich sie in diesem Zustand leider alleine lassen, da sie nach Palolem mit einem Bus fährt, während ich zum Bahnhof muss, um Sheetal zu treffen und mit ihr nach Murdeshwar zu fahren. Dank Verspätung verbringen wir aber erst einmal knappe zwei Stunden in der Mittagshitze an der Bahnstation. Um sechs Uhr abends (anstatt fahrplanmäßig halb fünf) erreichen wir den Zielbahnhof, nehmen eine Riksha ins Dorf und treffen dort eher zufällig gleich auf Raj, unseren Tauchlehrer für die folgenden zwei Tage. Der gibt uns Tipps zur Unterkunftssuche (die Vorbuchoption für 900Rs/Nacht war uns beiden zu teuer) und wir vereinbaren ein gemeinsames Abendessen. Das empfohlene Hotel entpuppt sich ebenso als überteuert, also setze ich zu einem Try & Error Spaziergang durch die Hotels Murdeshwars an und schleppe Sheetal mit. Letztendlich zahlt sich die Strapaze aus und wir finden eine dieser Unterkünfte bei denen man sich fragt, wie sie zu den Preisen überhaupt Geschäft machen können. Zum Abendessen stoßen neben Raj noch Ajay (keine Ahnung wie er geschrieben wird, ich habe seinen Namen nur gehört), der Besitzer der Tauchschule, sowie zwei Divemasteraspiranten zu uns. Raj spricht wegen seiner Englandzeit britischer Englisch als Nige, der Ire ist und Ajay übernimmt den Titel des westlichsten Inders, den ich bisher getroffen habe, von Ravi aus Chennai. Von den Klamotten über seine Fragen bis hin zur Gestik kann ich bei ihm nichts landestypisches erkennen, obwohl er die meiste Zeit seines Lebens in Indien verbracht hat.

Fotos

In Reihenfolge: Kirche in Pamjim, Socke, Sonnenuntergang in Benaulim, Kircheninneres in Old-Goa, indisches Wäsche waschen

Freitag, 21. Februar 2014

Rollin'

141. 21.2.2014

Im Tauchkurs ist heute Theorietag. Klingt langweilig, ist es auch, aber da muss man durch. Gestählt durch deutsche Fahrschultheoriemultiplechoicetests mit ihren bescheuerten und gemeinen Fragen ist unsere Prüfung für mich das reinste Kinderspiel. Eine Stunde vor den anderen kann ich aufatmen (idiomatisch, zum tiefen Einatmen fehlte mir die Anspannung) - 96% korrekt, 75 sind erforderlich. Auf Sheetal warte ich trotzdem, sie konnte mich heute morgen aus Zeitgründen zwar nicht abholen, aber fährt mich auf ihrem geliehenen Roller zurück nach Panjim. Dort essen wir einen Snack (Pav Bhaji, mal was neues. Ziemlich fettiges, angebratenes Weißbrot mit einer Soße, die sich am ehesten mit vegetarischer Bolognese vergleichen lässt.) und treffen daraufhin Socke. Die hat sich kurzerhand einen Roller geliehen und ist damit zu den Dudhsagar Falls gefahren, 60km hin, 60km zurück. Dazu sollte erwähnt werden, dass sie zuvor weder im deutschen, noch im indischen Verkehr Erfahrungen mit Rollern gesammelt hat. Ich bin sehr beeindruckt von so viel Wagemut und Leichtsinn. Meine mutigste Entscheidung heute ist es, bei ihr aufzusteigen, nachdem Sheetal sich zum Shoppen verabschiedet hat.
Wir möchten noch ein bisschen Strand zur Erholung und sei es nur von den 3km Fahrt dorthin. Als wir ein Auto streifen weiß ich wieder, wofür ich feste Schuhe gekauft habe. Doch sobald man den Stadtverkehr hinter sich lässt, wird das Fahren wesentlich entspannter. Nach überstandener Rückfahrt zum Guesthouse wird Socke schnell matt und müde infolge des erstmals seit 8 Stunden sinkenden Adrenalinspiegels (meine Theorie). Da schaffen wir gerade noch ein Abendessen in einem guten europäischen Restaurant mit entsprechender Preisgestaltung, bevor ich sie ins Bett bringen muss.